Direkt zum Hauptbereich

C. del Negro (Christine Thaler) – Herbst-Lied


Im zerborst'nen Fensterbogen
Lehn' ich müd' – der Uhu schreit – –
Herbstesabend, grau umzogen,
Liegt auf Wald und Wiesen weit.


Nach der warmen Schneeshülle
Sehnt die Erde fröstelnd sich,
Sehnt sich, in der tiefsten Stille
Auszuruhen winterlich.


Sterbenssehnsucht hat durchzogen
Nun auch dich, mein Herz, mit Macht –,
All dein Glück, es ist verflogen
Mit des kurzen Sommers Pracht.


Nun du sel'gen Kosestunden
Heiß nicht mehr entgegenschglägt,
Fühlst du nur die Feuerwunden,
Die du tief im Innern trägst.


Und auf der Erinn'rung Stätten
Seufzest du der Sehnsucht, »Ach!«
Und in dürren Blätterbetten
Rauscht es dir der Herbstwind nach – –


Da – fernab, wie ich noch träume,
Glüht das Abendroth empor;
Goldbestrahlte Wolkensäume
Gaukeln mir den Frühling vor.


Frühling wird einst auferstehen
Und mit ihm mein todtes Glück –
Herbstwind mußt' es mir verwehen;
Lenzeshauch bringt's mir zurück.


Neue Lieb' ist dann erstanden;
Neuer Frühling uns beglückt –
Wieder liegt das Herz in Banden,
Wonnebebend, lieb'umstrickt .....


Im zerborst'nen Fensterbogen
Lehn' ich müd' – der Uhu schreit – –
Frühlingsgleich, von Glanz umzogen,
Naht dein Bild mir – süße Maid!


Christine Thaler, geb. Greiner (Ps. C(hrista) del Negro)

23. Oktober 1853, München – 1936


aus: Die Gartenlaube, Illustriertes Familienblatt, Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig, 1882, Heft 18, S. 691.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87