Direkt zum Hauptbereich

Stine Andresen - Meereszauber

Stine Andresen, geb. Jürgens
23. September 1849, Boldixum/Wyk auf Föhr
13. Mai 1927, Boldixum/Wyk auf Föhr

Der Abend sinkt hiernieder
Und still ist's rings umher;
Ich und mein Liebchen wandern
Hinaus ans blaue Meer.

Das liegt in stiller Feier
So klar, so blau, so mild;
Aus seinem Spiegel blicket
Des Abendhimmels Bild.

Auf deinem tiefen Grunde
Liegt ein krystallnes Schloß;
Die Schätze, die es birget,
Bewacht der Nixen Troß.

Sie schmücken die Gewänder
Sich aus mit Perlen klar,
Und flechten sich Korallen
Ins feuchte Lockenhaar.

Es tönt ihr süßes Singen
Hinauf zum Ufershang;
Ich und mein Liebchen lauschen
Dem holden Zauberklang.

Rings liegt um uns versunken
Die Welt mit ihrem Leid;
Ich blicke ihr ins Auge
In stummer Seligkeit.

Wie gleicht ihr Aug' dem Meere,
So mild, so klar, so blau;
Darinnen, tief versenket,
Ich meinen Himmel schau.

Die Lippen wie Korallen,
Teilt sie ein Lächeln fein,
Enthüllen silberblitzend
Zwei weiße Perlenreihn.

Wenn wir Gedanken tauschen,
Zeigt sie mir unbewußt
Die wunderbaren Schätze,
Die ruhn in ihrer Brust.

Mein sind die blauen Augen,
Mein der Krallenmund
Und mein die edlen Schätze
Auf ihrer Seele Grund.

O, welch ein wonnig Leben
Wird das in Zukunft sein!
Die Schätze all' zu heben
Hab' ich das Recht allein.


Aus: Stine Andresen, Gesammelte Gedichte, Herausgegeben von K. Schrattenthal, Schriften-Niederlage der Anstalt Bethel, Bielefeld, 1896, S. 69 f.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87