Direkt zum Hauptbereich

Stine Andresen – Das Haus am Strand

Lea von Littrow – Wäscherinnen an der Mole (um 1890)

Stine Andresen – Das Haus am Strand.



Es liegt ein Haus am Strande,
Umrauscht vom Schilf und Ried,
Die Welle rollt zum Lande
Und singt ihr altes Lied.
Es huschen wie Gespenster
Die Möwen um das Haus;
Es blickt zum offnen Fenster
Ein holdes Kind hinaus.

Die Sonne will versinken
In blauer Meeresflut
Und zarte Wölkchen trinken
Des Westens Purpurglut;
Am kleinen Häuschen schimmert
Jedwedes Fensterlein,
Des Mägdleins Goldhaar flimmert
Im Abendsonnenschein.

Vor meinem Geiste schwebet
So wundersam und mild,
Indes das Herz mir bebet,
Dies heimatliche Bild.
Und wie's so schön gestaltig,
So freundlich an mich lacht,
Ist in der Brust gewaltig
Das Heimweh mir erwacht.

Du stilles Haus am Strande,
Ich ließ mein liebstes Gut
Auf diesem Erdenlande
In deiner treuen Hut;
Nicht länger will ich säumen,
Eh' noch verrinnt das Jahr,
Birgst du in deinen Räumen,
Will's Gott, ein selig Paar.

Stine Andresen, Gesammelte Gedichte, Herausgegeben von K. Schrattenthal, Schriften-Niederlage der Anstalt Bethel, Bielefeld, 1896, S. 78.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87