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Sidonie Grünwald-Zerkowitz - An den nach Jerusalem und Aegypten ziehenden Freund.

Jean-Léon Gérôme - Bathers by the Edge of a River

Was suchst du fern vom trauten Heimatlande
Im heißen Himmelsstrich der starren Sphinx?
Wähnst du, dir naht das – Glück im Wüstensande,
Wo öde Fremde dich umgähnet rings?

Nicht ist das Glück zu Haus in Pyramiden,
In Riesen-Gräbern ird'scher Herrlichkeit!
Vergebens sucht das Herz den süßen Frieden
Dort auf der Todtenstatt vergang'ner Zeit!

Ob auch dein Aug für flüchtige Augenblicke
Umfang' die Fessel andrer Weltgestalt,
Du lesest dort kein Steinchen auf zum Glücke,
Draus sich die Seele baut den frohen Halt! ...

Ein Dörfchen, das auf schmaler Scholle liege,
Wo dich als Kind dein frommes Mütterlein
In kunstlos holzgeschnitzter alter Wiege
In Schlummer sang mit süßem Liede ein,

Das Dörfchen hier und drinnen deine Hütte,
Dein Weib, dein Kind, dein eig'ner Herd,
Dein süß Daheim ist – aller Reiche Mitte –
Allein des Lebens Pilgerfahrten wert!

aus: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes, Herausgeber Karl Bleibtreu, Hundertundelfter Band, Januar bis Juni 1887, Wilhelm Friedrich Verlag, Leipzig, S. 528

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Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87