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Friederike Brun - Die Locken der Mägdlein

Paul Cezanne - Blumenvase



Die Locken der Mägdlein.
Ein Opfer der Mutter an Hebe.


Siehe die glänzenden Löckchen, o rosenduftende Hebe,
     Weich wie der Pappelbaum blüht, golden wie reifende Saat!
Zierlich umherzt vom Gefäß und von thauigen Blumen umduftet,
     Stell’ ich sie hoffenden Sinns leis’ am Altare dir hin!
Nimm das Opfer der Kindheit, o himmlischlächelnde Göttin,
     Knospen-Enthüllerin, nimm freundlich die Gabe des Mais!
Lächelnd folgen die Mägdlein; doch thaut auf das Lächeln die Thräne,
     Weil sie des wallenden Haars schmeichelnd die Mutter beraubt.
Freudig vertrauen sie dir, du Spenderin lieblicher Gaben,
     Die du im hohen Olymp ewiges Lächeln verstreust!
Bräune die keimenden Locken und röthe die knospenden Wangen
     Unschuld schirme die Brust mit diamantenem Schild!
Stolz entleuchte dem Blick und Lieb’ entathme der Lippe,
     Zärtlichkeit hebe das Herz, Edelmuth glänz’ auf der Stirn!
Willst du den zarten Schwestern, o Göttin, alles gewähren:
     Misch’ in der Locken Schnee, spät noch die Blüthe der Huld.


aus: Friedrich Schiller, Musen-Almanach für das Jahr 1799, J. G. Cotta, Cotta, Tübingen, 1799, S. 75f.
Sscan von wikimedia commons








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aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87