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Louise Aston - IX. Harmonie

Claude Monet - Impression, soleil levant

IX. Harmonie


Das ist der Tag, der leuchtend aufgegangen!
Nicht mehr verworr’ner Traum hält mich umfangen!
Die Schattenbilder seh’ ich rings zerfließen,
In’s weite Meer des Lichtes sich ergießen,
Klangvoll hat Harmonie mein Herz durchdrungen;
Mich hat ein echt’ und groß’ Gefühl bezwungen!
Ihm gönne freudig ich des Sieges Recht,
Es soll mein Herr für ew’ge Zeiten bleiben,
Ein jeder Pulsschlag sei des Siegers Knecht;
Die ganze Seele will ich ihm verschreiben!
O süßer Schmerz, so um die Freiheit klagen!
O süße Knechtschaft, solche Fesseln tragen!
Die kühn die Welt gefordert vor die Schranken,
Kampflustige Gefühle und Gedanken,
Des freien Geistes trotzige Vasallen,
Sind machtlos jetzt dem neuen Bann verfallen!
Unglücklich war ich, als ich Herrin war,
Und spielte stolz mit Wünschen und mit Trieben;
Doch Glück umfängt mich süß und wunderbar,
Seit ich die ganze Seele Ihm verschrieben.


Wilde Rosen von Louise Aston, woraus das Gedicht entnommen wurde, auf ngiyaw eBooks

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Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87