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Marie Eugenie Delle Grazie - Moses

Peel Paul - The Discovery of Moses



Moses
(Von Michel Angelo)


Noch flammt die Stirne dir von Sinai’s Wettern,
Noch weht um dich Jehovah’s myst’scher Hauch –
Da horch! metall’ner Becken gelles Schmettern –
Da sieh! das gold’ne Kalb, den Opferrauch,
Der schnöd gefall’nen Menschlein wüsten Reigen
Um’s Thier – ach, um ihr ewiges Symbol!
Zu ihnen wolltest du herniedersteigen,
Begeistert weltentrückt – des Gottes voll?
Für sie hast du die schlummerlosen Nächte
Durchträumt? Für sie dein Antlitz bleich gehärmt?
Für diese Brut rangst du des Himmels Mächte
Hernieder? Für dies Aas hast du geschwärmt?
Ihm wolltest du Prophet sein und Erretter,
Ihm Weisheit bringen, die von Gott entstammt –
Ihm? – hörst du nicht der Becken Hohngeschmetter,
Den Schrei der Bestie, brünstig, wahnentflammt?
Und seine Kiefer knirschen – in die Mähne
Des Bartes wühlt sich die ergrimmte Hand,
Die blutgeschwellte Ader wird zur Sehne
Und Stein der Leib, den Wuth und Schmerz gebannt!
Die mächt’ge Brust allein scheint auszuwogen,
Und diese Brust, sie ringt nach einem Schrei –
Ja, stoß ihn aus, Titan, den sie betrogen,
Die Zwerge dort, auf daß er dich befrei’!
Ein Sinai braus’ hernieder in Gewittern
Und Gottes Tafeln – wirf sie unter sie!
Denn würd’ger ist’s, ein göttlich Werk zersplittern,
Als es beschmutzt, zertreten seh’n vom Vieh!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S.46



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Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87