Direkt zum Hauptbereich

Mathilde Berensmann - O komm zu mir

Philipp Otto Runge - Die Lehrstunde der Nachtigall



Es rauschet in den grünen Zweigen,
So heimlich flüsternd, froh erregt,
Eröffnet ist der Frühlingsreigen,
Und überall klingts lustgewegt:
O komm zu mir, ich hab' dich lieb,
Vom Herzen lieb!


Die Nachtigall im duft'gen Flieder
Singt ihrer Klage süßes Lied,
Im meinem Herzen hallt es wider,
So sehnsuchtsvoll, so liebdurchglüht:
O komm zu mir, ich hab' dich lieb,
Vom Herzen lieb!


Ach, rings ist alles nur voll Hoffen,
Und Wonne schwellt so manche Brust,
Ruft sie vom höchsten Glück betroffen
Sich der Erfüllung froh bewußt:
O komm zu mir, ich hab' dich lieb,
Vom Herzen lieb!


Nur ich allein muß einsam stehen
Mit meinem Leid, mit meiner Lieb,
Im Winde wird mein Lied verwehen,
Das einzig mir von allem blieb:
O komm zu mir, ich hab' dich lieb,
Vom Herzen lieb!


Vergebens harr' ich süßer Kunde,
Es dringt kein Echo mir zurück,
Und ach, kein Wort aus teurem Munde
Verkündet mir ersehntes Glück:
O komm zu mir, ich hab' dich lieb,
Vom Herzen lieb!


aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Verlag Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, 1888, S. 21 f.




Beliebte Posts aus diesem Blog

Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87