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Louise Koch-Schicht - Gärtchen am Fenstersims

Harald Reiter (copyrighted) -  http://www.art-reiter.de/ 

Gärtchen am Fenstersims

Großstadthäuser in Reih und Glied
nüchtern, ohne Unterschied,
gleiten vorüber,
Fensteraugen eng und schmal
immer gleiche, hundertmal
querüber.

Trostlos solche Häuserzeilen
gleich und gleich vorübereilen —
Menschenkäfige! muß ich denken
ah! und die Erde hat allen zu schenken!

Da — auf einem Fenstersims
lachend meines tiefen Grimms
blüht ein Gittergärtlein zierlich
rankt manierlich
sich hinauf und noch hinüber.

Vorüber . . .
Doch das Grün und farbig Blühen
schien am Grau ein Wunden glühen,
schien ein schmerzgehegter Rest
an die Mauerwand gepreßt —

Menschensehnsucht
traumerwacht,
die an verlorne Gärten gedacht . . .


aus: Louise Koch-Schicht, Der treue Buhle, Neue Gedichte, Hans Sachs-Verlag, München und Leipzig, 1913

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Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
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Daß sie mich tragen, ihre Königin!
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Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
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Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87