Direkt zum Hauptbereich

Marie Rudofsky - Ostern

Ostern.

Noch bläst es scharf vom Bergwaldkamm,
Wenn abendlich die Sonne scheidet;
Die tiefversteckte steile Klamm
Liegt windverweht in Schnee gekleidet.


Noch steht die weite Flur so kahl,
Wie in des Winters dunklen Tagen,
Und aus dem Bach im Wiesental
Nur scheue Weidenkätzchen ragen.


Und dennoch naht, du ahnst es kaum,
Auf weichen, bunten Falterflügeln
Der alte Auferstehungstraum
Und läßt nicht hemmen sich, nicht zügeln.


Er schwirrt mit Zaubermacht und Pracht
Durch Feld und Au und Waldesengen,
Und über Nacht ist froh erwacht:
Ein Keimen, Sprudeln, Leben, Drängen.


Leicht schmilzt des Winters letzter Rest,
Die Erde taut aus harten Schollen;
Sie rüstet sich zum Frühlingsfest —
Ein neuer Segen ist erquollen.


Und neues Hoffen sproßt und schwillt
Im qualerstarrten Menschenherzen;
Mit wehmutsvollem Trost gestillt,
Ruh’n ausgesöhnt bezwung’ne Schmerzen.


Der frohe Osterglockenklang
Hell übertönt die dumpfen Klagen,
Es will beim Allelujasang
Ein lichtes, freies Werden tagen.


Es will in jeder deutschen Brust
Die Hoffnung tiefe Wurzeln schlagen,
Und nach des Lenzes Blütenlust
Auch reiche, volle Früchte tragen.

copyright 2011 Susanna und Ulrich Rudofsky
aus: Marie Rudofsky, Schulter an Schulter, Kriegsgedichte, J. G. Calve'sche k. und k. Hof- und Universitätsbuchhandlung (Robert Lerche), Prag, 1915 



Beliebte Posts aus diesem Blog

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87