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Thekla Schneider - Der Zigeunerin Prophezeiung am Hochzeitstag

Frans Hals - Gypsy Girl


Der Zigeunerin Prophezeiung am Hochzeitstag


Komm vom fernen Ungarland,
Um zu lesen in der Hand
Dieser Braut, am Hochzeitstag,
Was die Zeit ihr bringen mag.
Müsset euch nicht vor mir scheun,
Weil ich ihr will prophezei'n;
In der Hand kenn ich den Zug –
Meine Kunst ist kein Betrug.
Denn mir ward der Zukunft Schacht
Von den Geistern aufgemacht.


Eilet, eilet aus dem Schilf,
Zauberschwestern mir zur Hilf!
Komm', o komm, du dunkle Schaar,
Dreh' dich um das Hochzeitspaar,
Daß ihr Loos, geheimnißvoll,
Sich vor meinem Geist entroll'!
Dieses Zauberstabes Kraft
Alle meine Wunder schafft.


Reiche mir nun deine Hand
Bin ich dir auch unbekannt. –
Also les' ich hier den Stern,
Den ich immer sah so gern;
Er bedeutet Heil und Glück,
Wahrt vor manchem Mißgeschick.
Diese Linie sagt mir gleich,
Daß dein Herz an Liebe reich.
Wenn du schließest alle Zeit
Wie du hast versprochen heut',
In die Brust dies Kleinod ein,
Wird voll Glück dein Leben sein!


Dieser Zug hier prophezeit
Daß du liebst die Fröhlichkeit;
Frohsinn ist des Weibes Zier.
Gattenlieb' erhält er dir.
Aus dem Zug mein Blick noch schließt,
Daß die Magd dich oft verdrießt,
Wenn sie auch etwas zerbricht,
Schick' sie aus dem Hause nicht,
Denn du findest keinen Knecht,
Der dir alles machet recht.
Diese Linie hier mich lehrt,
Daß dir Wohlsatnd wird bescheert.
Wie die Biene magst du sein, 
Dreh' den Faden glatt und fein
An dem Rädchen, daß es schnurrt,
Daß um dich die Spindel surrt.
Wenn du lang gesponnen hast,
Mit Geduld und ohne Rast,
Aus dem Rocken dir dann rollt,
Statt des Fadens reines Gold. 


Wenn einst um ist, sieb'n mal neun,
Kehr' ich wieder bei dir ein;
Denk' indeß in deinem Sinn
Manchmal der Zigeunerin.


aus: Thekla Schneider, Wellen vom Bodensee, Verlag der Hofbuchhandlung von E. Tappen, Sigmaringen, 1882






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Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




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