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Es werden Posts vom Juli, 2011 angezeigt.

Johanna Ambrosius - Ich habe das Glück gesehn

Ich habe das Glück gesehn.

Ich habe das Glück, das Glück gesehn.
Wißt ihr, es ist wie der Himmel so schön,
Wie der Himmel so blau, wenn die Erde blüht
Und Leben und Licht und Duft nur sprüht;
Und sein Mund, ich kann nicht beschreiben den Mund.
Der machte mit einem Hauch mich gesund.


Und schließen auch Mauern zeitlebens mich ein,
Sinnt meine Hölle auf schärfere Pein,
Springt hoch auf mein Blut aus den Wunden rot,
Tritt man mich mit Füßen lebendig tot:
Was kann mir noch Leid's auf der Welt geschehn?
Ich habe das Glück, das Glück gesehn!


Aus: Johanna Ambrosius, Gedichte, Zweiter Teil, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Thomas & Oppermann, Königsberg i. Pr., 1897





Johanna Ambrosius - Ich habe geliebt

Ich habe geliebt.
Ich habe getrunken der Sonne
Allverzehrende Glut,
Ich habe tief im Schatten
Des Silbermondes geruht.


Auf jagenden Winden gezogen
Bin ich über alle Welt,
Hab' Sterne am Himmelsbogen
Mir zu Gespielen gesellt.


Und Elfen und Nixen sangen
Mir Lieder so süß und fein.
Und alle Wolken schwammen
Im rosigen Zauberschein.


Da fragten der Mond und die Sonne:
Ob's wohl noch Schön’res giebt?
Ich jauchzte entgegen voll Wonne:
Ich habe geliebt, geliebt!


Aus: Johanna Ambrosius, Gedichte, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Thomas & Oppermann, Königsberg i. Pr., 1896



Johanna Ambrosius - Es ist genug

Es ist genug.

Es ist genug! Hör’ auf zu schlagen,
Im Staube liegt mein matt Gebein;
Du stillst des kleinsten Würmchens Klagen,
Soll ich allein vergessen sein?
Willst mich vernichten, wohl, ich stehe
Gewärtig Deines Schwertes Zug,
Nur thu’ mit Schlägen nicht so wehe
Und halte ein. Es ist genug!


Es ist genug! Die Ketten brennen
Mit Höllenglut bis tief ins Herz,
Kein Wort kann ihn beim Namen nennen.
Den unermess’nen tiefen Schmerz.
Man löst dem Frevler seine Stricke,
Wenn zum Schafott ihn treibt der Fluch,
Begnad’ge Du mit einem Blicke
Doch meine Schuld. Es ist genug!


Es ist genug! Ich hab’ gelitten,
Was nur auf Erden Leiden heißt.
Im Kampfe bis aufs Blut gestritten,
Und tief verwundet liegt mein Geist;
Sieh’ meiner Hände müdes Beben,
Hör’ meinen schwachen Atemzug,
Du Richter über Tod und Leben,
Gieb Frieden mir! Es ist genug!


Aus: Johanna Ambrosius, Gedichte, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Thomas & Oppermann, Königsberg i. Pr., 1896





Luise Deusch - Mädchenlied

Mädchenlied
Ob ich dieselbe wie gestern noch bin, Spähend auf goldene Straßen hinaus? Seltsames, Neues bewegt mir den Sinn, Fremd den Gespielen, ja fremde dem Haus.
Suche mein Bild ich im Wassergerinn, Gehe ich weiter auf sonnigem Plan: Leuchtet mir lockend ein andres darin, Glaub ich, es rede mein Schatten mich an.
     Gestern auf totem Feld noch gegangen,      Wähnt ich mich bis in die Seele allein;      Heute von Blütenweben umfangen,      Küssend durchs Auge ins Herz mich hinein!
     Anders geworden bin ich seit gestern,      Fühle die Tiefe der menschlichen Brust, —      Möchte umhalsen die arglosen Schwestern:      Ist denn auch euch solches Wunder bewußt?
Aus: Luise Deusch, Gedichte, Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart, 1909



Luise Deusch - Jumneta

Jumneta

Jahrhundertalte Kunde
Ward uns aus Saga's Munde:
Der stolzen Stadt der Wenden,
Jumneta's, Mauern ständen
      Im tiefen Ostseegrund.


Kühn waren die Bewohner
Und nie des Rechtes Schoner,
Aus freier Meeresweite
Heimwärts mit reicher Beute
      Ihr starker Drache schwamm.


Einst jäh ergriff die Mauern
Ein Wanken und Erschauern,
Die See mit gier'gen Lippen
Verschlang mitsamt den Klippen
      Die Stadt und all ihr Volk.


Es bleichen die Gebeine
Im grünen Zwielichtscheine,
Gespenstisch das Gemäuer
Lugt durch den Wogenschleier;
      Der Schiffer sich bekreuzt.


Und Fische überschnellen
Die Giebel und die Schwellen,
Aus Fugen ausgewaschen,
Drängt sich in dichten Maschen
      Das Seegras ums Gestein.


Des Domes Pfeilergänge
Durchrauscht das Flutgedränge,
Die Glocke kommt ins Schwingen
Ins Summen und ins Klingen,
      Zum Schiffer tönt's hinauf.


In blauen Mondennächten
Entringt den Wogenmächten
Jumneta sich, die Zinnen
Erschimmern, silbern rinnen
      Die Tropfen dran herab.


Wie eine Wundermäre
Jumneta s…