Direkt zum Hauptbereich

Luise Deusch - Jumneta

Vincent Van Gogh - Vase mit Nelken



Jumneta


Jahrhundertalte Kunde
Ward uns aus Saga's Munde:
Der stolzen Stadt der Wenden,
Jumneta's, Mauern ständen
      Im tiefen Ostseegrund.


Kühn waren die Bewohner
Und nie des Rechtes Schoner,
Aus freier Meeresweite
Heimwärts mit reicher Beute
      Ihr starker Drache schwamm.


Einst jäh ergriff die Mauern
Ein Wanken und Erschauern,
Die See mit gier'gen Lippen
Verschlang mitsamt den Klippen
      Die Stadt und all ihr Volk.


Es bleichen die Gebeine
Im grünen Zwielichtscheine,
Gespenstisch das Gemäuer
Lugt durch den Wogenschleier;
      Der Schiffer sich bekreuzt.


Und Fische überschnellen
Die Giebel und die Schwellen,
Aus Fugen ausgewaschen,
Drängt sich in dichten Maschen
      Das Seegras ums Gestein.


Des Domes Pfeilergänge
Durchrauscht das Flutgedränge,
Die Glocke kommt ins Schwingen
Ins Summen und ins Klingen,
      Zum Schiffer tönt's hinauf.


In blauen Mondennächten
Entringt den Wogenmächten
Jumneta sich, die Zinnen
Erschimmern, silbern rinnen
      Die Tropfen dran herab.


Wie eine Wundermäre
Jumneta steht, die hehre,
Um ihre weißen Hallen
Die Wasser singend wallen
      Und schwebt der Glockenton.


Bis es mit Tagesleuchten
Rücksinkt in Meeresfeuchten;
Nachhallen noch die Glocken,
O Fischer, flieh ihr Locken,
      Sonst wird dir's angetan.


Weiß nicht, ob du's begehrtest,
Daß du mit wiederkehrtest, —
Gewiegt vom Wellenrollen
Wirst gerne schlafen wollen
      Bei solchem Schlummersang.


Steigt er aus fernen Fluten,
Wenn sie im Dämmer ruhten,
Und wenn die leisen Wellen
Zu Lande träumend schwellen:
      Das ist Jumneta's Ruf.


Aus: Luise Deusch, Gedichte, Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart, 1909












Beliebte Posts aus diesem Blog

Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87