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Angelika Hörmann - Mädchenlieder

Leo Putz - Badende



Mädchenlieder

1.


Was ihm an mir gefallen mag?
Zur Kammer schleich ich oft im Tag,
Schieb vor die Thür den Riegel
Und schau in meinen Spiegel.


Warum erwählt er nicht die Ros?
Bin eine schlichte Blume bloß
Und nimmer will's mir glücken,
Mich also hold zu schmücken.


Doch eine Zier ist mein fürwahr!
Die Schönste wär ich aus der Schar,
Stünd all mein treues Lieben
Im Antlitz mir geschrieben.




2.


Im Erker sitz ich früh und spät
Und führe die Nadel durchs Linnen,
Kaum hab ich ein paar Stiche genäht,
So lug ich über die Zinnen.


Erschallt vom Thurm des Wächters Ruf,
So spring ich schnell vom Sitze,
Dröhnt auf der Brück ein Pferdehuf,
Durchzucken mich Freudenblitze.


Wie lausch ich, ob die Trepp empor
Ein rascher Tritt nicht klimme,
Wie selig trinkt mein durstig Ohr
Die tiefe geliebte Stimme!


Wenn einen Tag mir's nicht gelang
Mich in Geduld zu fassen,
Wie schlepp ich dann der Jahre Gang,
Wenn er mich ganz verlassen?


Aus: Das Buch der Sehnsucht, eine Sammlung deutscher Frauendichtung;, eingeleitet und hrsg. von Paul Remer, Schuster & Loeffler, Berlin,  1900




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Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87