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Maria Solina - Epigonen

Mit freundlicher Genehmigung - Alfons Sabellek (1919-1990)



Epigonen


Jüngst sah auf einem meiner stillen Gänge
Ich einen Baum von seltsamer Gestalt,
Wie seinesgleichen nie mein Auge schaute.
Weil halb im Licht er, halb im Schatten stand,
Meint' ich zuerst, daß mich die Sonne äffe.
Nicht Baum noch Strauch: ein krankes Mittelding.
Der Stamm unförmlich kurz und dick, die Krone
Ein dichtbelaubter, ästeloser Knauf,
Der ungegliedert, reglos darauf ruhte
Wie eines dunkeln Riesenpilzes Dach.


Der Stamm – ob einer Linde Rest, ob eichen –
Gehört' einst sicher einem König an
Im Reich der Bäume. Mehr ließ nicht erkennen
Der neid'schen Wucherpflanze dicht Geschling,
Das sich mit tausend Würzlein d'ran geklammert,
Und, d'ran erstarkt, in üpp'ger Fülle sprießend
Sich kühn anmaßte eig'nes Lebensrecht.


Und wie man um die Säule eines Großen,
Der frei und stark zur Höh' emporstrebt,
Ein wimmelnd Völklein krabbeln sieht, das emsig
Backsteine schleppt herzu zum Weiterbau,
Bis jene Säule, die so stolz gestanden,
Ein weithin weisend Ehrenmonument
Selbsteig'ner Kraft, nur mehr als Stützepfeiler
Den Mauern dient, die sie, verborgen, trägt,
So sah ich um des Baumesriesen Leiche
Die Blätter wogen seines grünen Grabs,
Von Sperlingen, die in den Epheuranken
Laut zwitschernd hausten, ruhelos bewegt.


Doch die Bewegung hemmt der kurze Stengel,
Und dieses Wogen war nicht halb so schön,
Wie wenn durchs Laub der biegsam schlanken Zweige
Der andern Bäume jäh ein Windstoß fuhr
Und jedes Ästlein raschelte und rauschte.
Das war wie Flügelschlag des freien Aars,
Verglichen mit dem ängstlichen Geflatter
Der Spatzenbrut.
                             Und dennoch hing gefesselt
Mein Blick bald wieder an dem Zwitterwesen,
Und sein Gedeih'n lockt' mir ein Lächeln ab
Geduld'ger Nachsicht. War's doch auch ein Bild
Der nimmermüden Schaffenslust des Seins,
Die Tod nicht kennt, nur ewig neues Werden,
Und aus dem einen Großen, das da fällt,
Läßt Lebensodem vieles Kleine saugen,
Das, fröhlich wuchernd, in naiver Selbstsucht
Die Stütze zwar verhüllt, um die sich's rankt,
Und undankbar beschleunigt ihr Vermodern,
Doch unbewußt in jeder seiner Ranken
Ihr Angedenken frisch hält und unsterblich.


aus: Deutsche Dichtung, Herausgegeben von Karl Emil Franzos, Vierundzwanzigster Band, April 1898 bis September 1898, Concordia Deutsche Verlagsanstalt, Berlin, 1898



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Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




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In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


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Sieh’, da winkt’s!


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Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87