Direkt zum Hauptbereich

Georgine Wrba - Großstadtelend

Georgine Wrba



Großstadtelend.

Rauschend wogt im Sonntagsstaat die Menge.
Fast scheint den Vielen der Raum zu enge,
Die da wandeln mit froher Geberde,
Denen das Schicksal noch Lust bescherte.
Da rauscht’s vorbei in weicher Seide,
Da funkeln und glitzern die Geschmeide,
Als sei die Welt allein voll eit’ler Lust.
Seid ihr Menschen des Leid’s euch nicht bewußt,
Das noch lebt neben all eurer Pracht?
Umhüllt nicht so manchen des Unglücks Nacht? —
Sie achten’s nicht, die Ritter der Freude,
Da ihnen ’s Leben nicht Dornen streute.
Auf und nieder strömen die Gestalten,
Düfte wehen aus den bunten Falten
Und edles ringsum ist Frohsinn und Glanz,
Es strahlet keck der Reichen Eleganz.
Sie dröhnen der Freude wie sie’s gewohnt
Und sehen nicht, daß unweit Armut wohnt.
Da kauert an rauhem und kaltem Stein
Ein armer Mann mit verkrümmtem Gebein.
Halb nur beschuht ist sein zitternder Fuß,
Doch sein Gesicht ist noch frei von Verdruß.
Und doch ist noch schwerer er geschlagen,
Muß einen Höcker am Rücken tragen.
Ein Paar Krücken liegen an seiner Seit’,
Daneben er, das verkörperte Leid.
Er bläst sein Instrument mit Beschwerde,
Doch das übertönen die Konzerte,
Die aus den nahen Garten erklingen,
Und dorthin sieht man die Masse dringen.
Der Arme sieht es, sein Auge wird feucht;
Noch hat man ihm kein Almosen gereicht.
Es liegt sein Hut noch leer in seinem Schoß
Und doch ist sein Elend bitter und groß.
Er hört die schäumenden Gläser schallen,
Sieht an reichgedeckten Tischen prahlen
In eit’ler Selbstsucht die vielen Reichen.
Muß er nicht hungernd dabei erbleichen?
Ihr Menschen inmitten Lust und Scherzen,
Wie seid ihr doch arm in euren Herzen,
Da ihr nicht fühlet des Nächsten Wunden,
Der sich da quält in schweren Stunden.
Doch was ihr dem Alten hier nicht gewährt,
Wird durch ein einfaches Kind ihm beschert.
Das naht sich ihm leis’ wie von Gott gesandt,
Hält mitleidsvoll den Blick ihm zugewandt.
Dann sieht mein lächelnd an seiner Linken
Die liebliche Kleine niedersinken.
Ihr Brot, das sie halb schon aufgezehret,
Eifrig sie jetzt dem Alten verehret.
Und diesen erfüllt das so wunderbar,
Er streichelt gerührt ihr goldblondes Haar
Und Tränen netzen sein bärtig Gesicht,
Da kindliche Unschuld ihm Freude flicht,
Wo alle andern sein Leid nicht verstehn
Und achtlos an ihm nur vorübergehn. —
Als das Mädchen erblickt den leeren Hut,
Faßt einen Entschluß es mit festem Mut,
Reicht behend die Krücken hin dem Kranken,
Dann sieht man beide davon sie wanken.
Heraus aus dem Trubel stolzer Massen
Führt sie der Weg in einsame Gassen.
Denen ist kein stolzer Prunk beschieden,
Da lebt noch ruhiger Sonntagsfrieden.
Hier hebt der Greis wieder zu spielen an,
Er bläst so gut, wie er nur blasen kann.
Die Kleine öffnet ihre Lippen zart
Und singt fromme Weisen nach Kindesart:
»Helfet dem Nächsten, wie Gott es gelehrt,
Selig wird einst, wer Seligkeit beschert!«
Und sieh! wer da lauscht, von Mitleid bewegt
Ein Geldstück in den Hut des Alten legt.
Und dieser wird sich auf einmal bewußt,
Daß Nächstenliebe wohnt in bescheid’ner Brust.
Meist hat für Not nur ein gütig Verstehn,
Wer nie dem Überfluß in’s Aug’ gesehn.



Aus: Georgine Wrba, Wenn die Seele Worte findet, Vermischte Gedichte, Verlag Aurora, Dresden-Weinböhla, 1918


Zur Autorin konten leider keine Daten ermittelt werden.





Beliebte Posts aus diesem Blog

Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87