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Hedwig Dransfeld - Morphium

Wilhelm Schade - Die letzte Zuflucht

Morphium

Ja, schlafen, schlafen! seufzt der Kranke schwer, 
Er nimmt den Trunk, er lächelt: »Schlafen, schlafen!«
Nun glättet sich der Schmerzen wildes Meer,
Und seine matte Seele treibt zum Hafen.

Die Rechte sinkt zurück  der trockne Mund
Scheint durstig noch den kühlen Trunk zu schlürfen, 
Ein Atemzug, so schwer und krank und wund! 
»O, eine Ewigkeit nur schlafen dürfen!«

Ein mattes Glimmen noch im trüben Blick,
Ein traumhaft Dehnen durch die kranken Glieder!
Und immer weiter taucht der Geist zurück,
Und immer tiefer senken sich die Lider.

Er gleitet heimwärts in ein schön'res Land . . .
Schon sieht er purpurn sich die Nacht erhellen,
Und weich und wiegend an den fremden Strand
Trägt ihn der Kahn durch blaue Nebelwellen.

Wohin?  —  Er wiegt und gleitet immerzu,
Ein ziellos Dämmern ist's und Weiterschweben,
Und aus dem Dunkel taucht die große Ruh
Und nimmt an ihre Brust sein krankes Leben 

Und küßt ihn lind; da wird das Herz ihm weit,
Er lacht im Traum, die Qualen sind verflogen . . .
Und hinter ihm versinkt sein großes Leid,
Und vor ihm schwingt das Glück den Irisbogen.

Doch plötzlich bebt er . . . das Bewußtsein loht
Im trüben Blick und auf den blassen Zügen . . .
Er ist erwacht, und das Gespenst der Not
Schreit ihm ins Ohr, daß seine Träume lügen.

Da fährt er auf  sein Blick so fremd und schwer,
Als ob ihn schon des Todes Pfeile trafen . . .
Die schlaffe Rechte tastet wild umher, 
»Den Trank  —  gebt mir den Trank!  Ach, schlafen, schlafen!«



Aus: Frauenlyrik der Gegenwart; eine Anthologie, Herausgegeben von Huch, Margareta, (M. H. Gareth, Pseud.), Eckardt Verlag, Leipzig, 1911




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Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87