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Elisabeth Janstein - In einer Gewitternacht

Darío de Regoyos y Valdés - Almeria bei Nacht



IN EINER GEWITTERNACHT

Gewitterhimmel — auf dem Firmament
Ziehn Löwen, die sich laut und knurrend jagen.
O Sehnsucht, die in steilen Flammen brennt,
Wie soll ich diese Glut zu Ende tragen?

Aus jedem Stein, aus Strauch und Blume quillt
Dein Angesicht — will ich das Auge schließen,
So trägt ein Purpurmeer das gleiche Bild
An mir vorbei, vertausendfacht im Fließen.

Dein Wille griff — der Bogen war gespannt,
Daß sich das Holz verbog, die Sehne klagte —
Und immer noch bog frevelnd deine Hand
Im Spiel, was keine sonst im Kampfe wagte —

Bis sich der Pfeil mit einem Mal besann
Und abstieß mit des Vogelflügels Schwirren.
Und eines Wunden Klage hörte man
Aus weiter Ferne durch die Kronen irren.

So leuchte, Blitz, o knattere nieder, Sturm!
Das Segel ist geschwellt zu wilden Fahrten.
Die Seele, stumm und einsam wie ein Turm,
Dem sich im Graun der Nächte Wunder offenbarten,

Hält ihre Ewigkeit zu Mond und Stern.
Von Wolken eingehüllt, gewiegt von Winden,
Wird ihr Erlittenes seltsam sanft und fern,
Wie gütige Greise uns das Alter künden.

Du Schmerzensbild, umweintes Traumgesicht,
Das mich durch Durst und fahle Wüsten hetzte,
Ich bin es noch — und bin es wieder nicht,
Der sich in Gram und Fieberwind zerfetzte.

Noch brennt der Feuerküsse Bacchanal
Auf meinen Lippen, wund von solchen Küssen —
Und doch fließt alles Leid und alle Qual
Wie Frühlingsschnee vorbei auf dunklen Flüssen.

Aus: Elisabeth Janstein, Die Landung, Drei Masken Verlag, München 1921




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Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87