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Hedwig Vogel - Hexenlieder - Warum ich Hexe ward

Lovis Corinth - The witches



Hexenlieder!

Warum ich Hexe ward!

Weil sie gar so schön,
All die Maienpracht,
Weil auf Flur und Höhn
Die Walpurgisnacht!

Weil sein Augʼ gebrannt,
Als er mein begehrt,
Weil ich kühner Hand
Nichts, Ihr, Herrn, gewehrt!

Weil der Kukuk rief
Und die Drossel sang,
Weil die Sonne schlief,
Als er mich umschlang!

Weil mein Hochzeitskleid
Nur ein Blütentraum,
Weil das Brautgeschmeid,
Nur der Wellenschaum!

Weilʼs der Dompfaff war,
Der uns copuliert,
Weil mein rotes Haar
Keine Myrthe ziert!

Weil so sehnsuchtsvoll,
Ihn mein Lied gegrüßt,
Weil er wild und toll
Immer mich geküßt!

Weil sich doch gepaart
In ihm Lug und Trug:
Wie ich Hexe ward,
Wißt ihr. ― Nun genug!

Aus: Eva-Lieder von Hedwig Vogel, Wilhelm Ißleib, Berlin, Für Amerika: Max A. Silz, Cleveland, 1898




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Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87