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Agnes Miegel - Mädchenlied





Mädchenlied

Nun ist vorüber die ruhige Zeit,
Meine junge Seele nach deiner schreit,
Ich gehe des Tags so müde einher,
Meine nächtigen Träume sind heiß und schwer.
Ich küss' dich im Traume so viel als ich mag, —
Drum sind meine Lippen so blaß am Tag.

Sie sagten zu mir: »Der Tag ist so heiß, so grün die Flur,
Deine liebsten Blumen, wir brachten sie dir,
Und du küßtest uns nicht einmal dafür,
Du hast vor dich hin ins Leere geschaut —
Und trägst keinen Ring und bist doch nicht Braut?«

Und sie zogen mich fort zu Tanz und Spiel,
Sie sangen so laut und lachten so viel,
Und der Abend über die Felder zog,
Ein irrender Stern am Himmel flog.
Und sie sprachen von Liebe, leise und lang, —
Nur ich ging schweigend die Felder entlang.

Aus: Agnes Miegel, Gedichte, J.G. Cotta Nachf.,  Stuttgart, 1921.

Abb.: Egon Schiele -Sitzendes Mädchen


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Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
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Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
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Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87