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Gabriele Narzissa Zmichowska – Des Weibes Liebe

Franz von Stuck – Die Sünde


Des Weibes Liebe

Von zarten Engeln, die auf Erden sind,
Mit weißen Flügeln, sprach man mir als Kind,
Die, wenn sie mit den gottgeweihten Händen
Das Herz des Menschen liebevoll umfassen,
Es leiten auf den Wegen dieser Welt
Durch Sumpf und Felsengrund mit Sicherheit,
Vom Strahl des Gottgedankens mild erhellt
Und angeweht von warmer Gottesliebe.
Ich fragte, wo denn solche Engel sind?
Die gute Mutter stand an meiner Seite,
Sie küßte mir, dem kleinen Sohn, die Stirn
Und sagte nur: »Sie sind, mein theures Kind,
Dort, wo ein Weib ist, das dich innig liebt.«
Wie wahr hat meine Mutter da gesprochen!
Ein Engel naht: das Sein ist Hochgenuß,
Der Herzschlag sanft, der Himmel ungetrübt
Dort, wo ein Weib ist, das dich innig liebt.
Des Weibes Liebe gleicht dem ersten Gruß,
Der hier empfängt den jungen Erdenpilger,
Dem ersten Tropfen frischer Lebenskraft,
Mit dem man seine durst'ge Lippe feuchtet;
Sie gleicht dem Ton der Mutter, wenn sie knieend
An deiner Wiege Schlummerlieder sang.
Des Weibes Liebe – segenbringend leuchtet
Sie deiner Reise durch ein fremdes Land,
Sie steht zur Seite dir mit Schutz und Rath,
Vor deinem Fuße ebnend jeden Pfad.
Des Weibes Liebe gleicht dem Traum, den du
Als Knabe träumtest mit der theuern Schwester
Von deiner Zukunft, deinem Lebensziel,
Und von dem Hoffen deines Jünglingsherzens,
Das auf Gelingen jeden Werkes baute,
Dem sie mit solcher Zuversicht vertraute,
Daß dann auch, wenn dein Herz zuletzt verzagte,
Sie ihrem Glauben nimmermehr entsagte.
Des Weibes Liebe ist die Rettungshand,
Die, wenn dich der Versuchung Netz umwand,
Tief aus der Seele dir das wilde Streben,
Die heftigen und unruhvollen Wünsche,
Die falsche Saat der Leidenschaft verbannt,
Bevor sie noch, des Giftes Keim entfaltend,
In deines Herzens Wohnung Wurzel schlägt,
Die Strahlen deines reinen Geistes trübend,
Eh' er, von Glück und Tugend ganz durchdrungen,
Den schweren Weltkampf siegreich ausgerungen.
Des Weibes Liebe ist der süße Lohn
Für alle Kämpfe deiner Manneslaufbahn,
Ist an des Hauses Herd die Priesterin,
Die dir das Weihgeschenk des Friedens bringt,
Der frohe Gruß, der dir entgegenklingt,
Wenn du aus fremder Menschen Mitte heimkehrst;
Sie ist der zarte Arm, der dich umfaßt,
Wenn du den Glauben schon verloren hast,
Daß es noch Herzen gibt in dieser Welt,
Die hochaufopfernd dir entgegenschlagen,
Wenn du verzagt an ihre Kammer pochst
Und nach dem Freunde, nach dem Bruder rufst;
Sie ist der Mund, der dir die Mahnung gibt:
»Verzeih und liebe, denn du wirst geliebt!«
Sie ist die einz'ge treue That des Schicksals,
Und ob dich auch die ganze Welt verließ,
Und ob du selbst zerfielst mit dem Gewissen:
Sie bleibt dir, freundlich streckt sie immerdar
Nach dir die Hände aus, die beistandsreichen.
Mit ihres schneeigen Gewandes Saum
Gelingt es ihr, den Zorn von dir zu scheuchen,
Den tiefsten Kummer macht sie von dir weichen,
Denn er geht auf in ihren eignen Thränen.
Sie wahret vor der Sünde Schlingen dich
Durch ihre Herzensreinheit, ihr Gebet;
Gehst du zu ihr, gehst du auf guten Wegen,
Ihr folgend, gehst dem Himmel du entgegen.
Des Weibes Liebe – o, mir wolle Gott
Von seinen Gaben diese nur bescheiden:
Dann würd' ich groß und tugendhaft und heilig,
Der Eigenliebe würd' ich dann entsagen,
Dem eignen Vortheil und den eignen Freuden;
Zu jedem Opfer wär' ich dann bereit,
Und vieles Gute thät' ich meinem Nächsten,
Und vieles Böse trüg' ich ohne Klagen;
Ich segnete, die mir geflucht; die Hand,
Die mich geschlagen, wollt' ich innig drücken;
Ich wollte Thränen trocknen, oder weinen
Mit dem, der nirgend einen Tröster fand.
Verzeihen wollt' ich, lieben und beglücken,
Hingeben alle meine heil'gen Rechte –
Wenn nur ein Weib hingebend mein gedächte!!

aus: Der polnische Parnaß, Ausgewählte Dichtungen der Polen, Übersetzt von Heinrich Nitschmann, F. A. Brockhaus, Leipzig, 4. verm. Aufl. 1875, S. 350 ff.

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Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

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Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


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In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


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Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
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Sieh’, da winkt’s!


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Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87