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Es werden Posts vom 2014 angezeigt.

Johanna Beckmann - Hexen-Schuß

Hexen-Schuß

An der grünenden Linden
War er zu Haus.
Das Glück wollt' er finden
Und wanderte aus.

Unter'm Hexen-Besen-Baum
Tief im tiefem Tann —
Betet er, man glaubt es kaum,
Eine Hexe an.

Aber Hexlein in Eile
Vom Fingerhut
Zupfte sich Pfeile
Und zielte gut.

Es tat den Schuß,
Und zum Beschluß
Da hatte er
Den Hexen-schuß.

Aus: Johanna Beckmann, Vom Zufrieden-Werden, München, Rösl und Cie. 1921



Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



[Charlotte Basté] - Frauenlob durch Frauenmund

Frauenlob durch Frauenmund

Gott schuf die Welt vor alten Zeiten, 
Zum Schluß vom Mann ein Exemplar, 
Und das schien freilich anzudeuten, 
Daß Gott schon etwas müde war.

Und als er sein Geschöpf beaugte, 
Da fehlte dies, da fehlte das, 
Und an dem ganzen Manne taugte 
Nur eine einzige Rippe was.

Die ward ihm auch noch fortgenommen 
Und eine Frau daraus gemacht. – 
So sind wir später zwar gekommen, 
Jedoch geschaffen mit Bedacht. 

Und zu der Fraun gerechtem Lobe 
Erkennt man auf den ersten Blick: 
Der Mann war nur ein Stück zur Probe – 
Wir aber sind – das Meisterstück.

Aus: Unartige Musenkinder, Ein buntes Stäußchen lustiger Pflanzen, aus Treibhausbeeten alter und neuer Zeit geplückt und gewunden von Richard Zoozmann, Hesse & Becker Verlag, Leipzig, o. J.



Paula Rösler - Je nun!

Je nun!

Du fragst, warum ich dich geküßt,
mein Freund, mit dem törichten Mund?
Du fragst? — Je nun, ich hatte Durst,
da standst du am Wege und . . . .

Du fragst, warum ich dich angesehn
so warm, als wär ich dir gut?
Je nun — ich tats, weil die Sonne schien,
vielleicht auch weil rot mein Blut.

Du fragst, warum ich dich geküßt?
Je nun — weil heute heut . . . .
Je nun — so frag doch den Schmetterling,
warum so bunt sein Kleid.

Frag doch die Rosen, warum sie im Garten stehn,
und die Sonne, warum sie so hell.
Nur frag nicht, warum im dich geküßt,
mein töricht-neugierger Gesell.

Aus: Paula Rösler, Falter, Zeichnungen und Lieder, E. W. Bonsels, München-Schwabing, 1905



Julia Virginia - An Maria Bashkirtseff

An Maria Bashkirtseff.

Ich liebe dich, du heisse Slavin, 
In deiner Schwäche, deiner Kraft, 
In deiner Sinne Lebensfieber — 
Im Zauber deiner Mädchenschaft!

Dich, du Vestalin alles Schönen,
Die du — von heil’ger Glut entfacht —
Auf unsrer Gottheit Hochaltare
Dein warmes Herzblut dargebracht.

Ich liebe dich, du Dorngekrönte, 
In deinen Schmerzen, deiner Qual, 
In deiner wilden Ruhmbegierde 
Mit ihren Wünschen sonder Zahl! 

Die deinen zarten, weissen Busen 
Erdrückten fast mit ihrer Wucht. 
O blonde Blume, bald entblättert, 
Märtyrerin der Höhensucht! 

Die du dich selbst ans Kreuz geschlagen, 
Ans blut’ge, heissgeliebte Kreuz — 
Hinweggerafft, eh’ du genossen 
Der Lebensschale höchsten Reiz! 

Ich liebe dich, du Starke, Stolze,
In deiner Seele Wahrheitdrang,
Der dich — entzügelt von Dämonen —
Dein Tiefstes blosszulegen zwang.

Und all die Glut, die wildverzehrend 
Dich einst durchloht, du heisses Weib, 
Sie lodert auch in meinen Adern; 
Sie sehrt auch meinen jungen Leib, 

Ein Feuerfunke deines Wesens 
In mir auch glüh…

Paula Rösler - Dämmerung

Dämmerung.

Es ist nichts — es war mir nur in der Dämmerung,
als hörte ich Schritte im Gartenland,
als kämst du gegangen
und rührtest mich leise mit deiner Hand. —
's ist nichts — nur meine eigene Hand schimmert weiß
durch das Zwielicht des Wintertags,
und ich horche vergebens, ob nicht leise, ganz leis
sich ein Ton zu mir verirrt.
Ob nicht, gleich huschenden Dämmrungsschatten
von dir ein Gedanke herüberschwirrt. —
— —
Es ist nichts — es ist nur ein Dämmrungsspuk. —
Und du bist so weit —
und so gefährlich lockend ist Dämmerzeit.

Aus: Paula Rösler, Falter, Zeichnungen und Lieder, E. W. Bonsels, München-Schwabing, 1905


Caroline Hauser-Edel - Anemonen

Anemonen.

Seelenreine Anemonen,
Waldeskinder! — weltentrückt,
Unbewußt ward euch die Klarheit
Und die Anmut, die euch schmückt. —

O, ich weiß ein süßes Wesen,
Eine kindlich liebe Maid,
Der an Zartheit und an Unschuld
Blumen, ihr so ähnlich seid! —

Wär’ es möglich, daß vom Hauche
Der verderbten Welt verschont,
Eure feine Blumenseele
Auch ein menschlich Herz bewohnt? —

Aus: Caroline Hauser-Edel, Blumen und Liebe, Ein Strauß in Liedern, C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München, 1893, S. 7