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Sophie Schwarz – Der Abendstern


Der Abendstern.

Sey mir willkommen, stille Feyer!
     Willkommen Mond! Gedankenfreund!
Du Nacht! deckst tröstend deinen Schleyer
     Auf jedes Auge, das noch weint.
Das meine wacht – denn jede Zähre
     Versiegte längst – und hoch entzückt,
Irrt es durch Millionen Heere
     Des Himmels, die es kaum erblickt.

Vielleicht daß dort in jenem Sterne,
     Der glänzender vom Himmel blinkt,
Und den auch ich einst kennen lerne,
     Theonens Seele Wahrheit trinkt.
Schon wölbt zum kleinen Blumenhügel
     Sich meiner Jugendfreundinn Grab;
Vergangenheit! dein rascher Flügel
     Trug sie zu schnell vor mir hinab.

Schön wie die junge Frühlingsblume
     Stand sie voll regen Lebens da;
Hoch schlug ihr Herz dem wahren Ruhme
     Der edlen That, die Gott nur sah.
So flieht des Morgentraums Entzücken,
     So floh dein schönes Leben auf.
O Phantasie, du kannst beglücken;
     Komm, zaubre mich zu ihr hinauf! –

Wir sehn uns – staunen – weinen – danken,
     Theona! wie? war dieß der Tod?
Ein neues Leben ohne Schranken
     Fühl' ich in mir – das war kein Tod.
Nach kurzen Träumen so erwachen!
     Wie schön, o Menschheit, ist dein Loos!
Und der, der so kann glücklich machen,
     Theona! wie unendlich groß!

Wie groß, der Millionen Leben
     Auf seiner Allmacht starken Ruf,
Das Daseyn hohes Glück gegeben;
     Den Engel und das Würmchen schuf!
O Stern, nicht erst auf deinen Höhen
     Thut sich der Gottheit Tempel auf,
Ich kann sein Heilgthum hier sehen,
     Drum, Erde, nimm mich wieder auf. –

Sophie Schwarz (1754 – 1789)

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Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…