Montag, 17. Mai 2010

Ōtomo no Sakanoe no Iratsume



Claude Monet - Die japanische Brücke


Da du versprachst, daß du mich lieben wolltest
Auf immerdar, bis zu den fernsten Jahren,
So hab' ich dir mein Herz dahingegeben,
Mein Herz, so klar wie ein geschliffner Spiegel.
Seit jenem Tage schmiegt' ich mich an dich,
Wie sich das Seegras an die Wellen schmieget,
Und dir allein nur galt mein ganzes Sinnen.
Doch da ich so mein Hoffen auf dich stellte,
Wie einem großen Seeschiff man vertraut,
Was ist geschehn? - hat von den ungestüm
Gesinnten Göttern einer uns getrennt,
Ist es ein ird'scher Mensch, der zwischen uns
Getreten? daß du nimmer mehr wie früher
Zu mir die Schritte lenkst und auch kein Bote
Mit Heroldstab von dir mir Kunde bringt?
Mein Herz ist trostlos, weiß sich nicht zu helfen.
Die ganze lange, rabenschwarze Nacht,
Den Tag, bis sich die rote Sonne senkt,
Verschmacht' ich klagend, liebessehnsuchtsvoll.
Mein Herz ist trostlos, weiß sich nicht zu helfen.
Mit Recht nennt man uns Jungfraun zarte Wesen:
Gleichwie ein kleines Kind, so weine ich
Nun kläglich, wandle ruhelos umher.
Wie soll ich's tragen, länger noch des Boten
Zu harren? Die Geduld wird endlich reißen.
Hätt'st du von Anfang
Mir Hoffnung nicht gewecket
Auf ewige Liebe,
Wär' ich in diese herbe
Verzweiflung je geraten?


verm.: Ōtomo no Sakanoe no Iratsume (c. 700-750) japanische Poetin


aus: Der Völker Liebesgarten, herausgegeben von Paul Seliger,  Julius Zeitler VerlagLeipzig, 1909



Freitag, 14. Mai 2010

Emily Dickinson - How Happy Is The Little Stone

Wie glücklich ist der kleine Stein,
Der über Wege streift allein
Und um Erfolg sich kümmert nicht
Auch kein Verlangen aus ihm spricht – –;
Der eingehüllt in schlichtes Braun
Um sich das Universum trägt,
Und wie die Sonne frei und rein
Verbindet und alleine leuchtet,
das höchste Sein verwirklicht er
durch schlichte Einfachheit … nichts mehr – –


übertragen von Maoi Milalis bei ngiyaw eBooks



How happy is the little Stone
That rambles in the Road alone,
And doesn't care about Careers
And Exigencies never fears – –;
Whose Coat of elemental Brown
A passing Universe put on,
And independent as the Sun
Associates or glows alone,
Fulfilling absolute Decree
In casual simplicity – –


Dienstag, 11. Mai 2010

Carmen Sylva - Die Sonne sprach von Liebe

Die Sonne sprach von Liebe,
Daß Liebe Leben weckt,
Und hat mit glühenden Pfeilen
Verhöhnt mich und geneckt.

Da ward in mir ein Wüthen,
Ein heißes Sehnen wach,
Weil mir's, der Niebezwung'nen,
An Strahlenkraft gebrach.

Da hab' ich Stirn und Haare
Mit Feuerglanz geschmückt,
An meinem Wogenbusen
Die Erde todtgedrückt.

Ich hab' der stillen Sonne
Gezeigt, was Singen heißt,
Wie man zerflatternd, jauchzend,
Sich und die Welt zerreißt.

In meine dunkeln Augen
Sah sie mit goldnem Licht:
Du arme Unfruchtbare!
Die Liebe kennst du nicht!


aus: Carmen Sylva, Meerlieder, Verlag von Emil Strauß, Bonn, 1891, S. 48 f.

Samstag, 8. Mai 2010

Thekla Lingen – Sieg

SIEG


Es zogen drei Frauen zum Kampf hinaus,
Es ward ihnen eng in dem stillen Haus,
Sie wollten das Leben sehn.
Die Erste war schön, ein junges Blut,
Die zweite war klug und auf ihrer Hut,
Die Dritte – nun, die war einfach gut! – – –
Wie wird es den Dreien ergehn?

Sie nahmen den bösen Kampf nun auf,
Doch kurz war der Dreien Siegeslauf,
O Schmach und bittere Not!
Die Schönheit zahlte den Schmerzenslohn,
Die Kluge erntete Spott und Hohn,
Und der Guten, – der wurde die Siegerkron':
Sie lächelte – und war tot …

Den Feind lieben ganz ohne Wehr,
So steht es geschrieben in Christi Lehr'.


      Die Kinder sagen es her.


aus: Das Magazin für Litteratur, Siebenundsechzigster Jahrgang, Herausgegeben von Rudolf Steiner, Otto Erich Hartleben und Moritz Zitter, Verlag Siegfried Cronbach, Berlin, 1898, Spalte 494 f.


Thekla Lingen (06. oder 18.03.1866 – 07.11.1931)

Mittwoch, 5. Mai 2010

Pauline Schanz – Paradiesvogel

Zhou Shuxi – Camellia and a Lonely Bird

Paradiesvogel


Vögel giebts mit Goldgefieder,
Die, dem Sonnenstrahle gleich,
Leuchtend tauchen auf und nieder
Ruhlos in der Lüfte Reich.

Ihre Augen sind Rubinen,
Diamanten und Smaragd
Funkeln, wenn vom Licht beschienen,
Fächelt ihrer Flügel Pracht.

Unter der Gevögel Scharen,
Herrschern in der Lüfte Reich,
Keines kommt dem wunderbaren
Paradiesesvogel gleich.

Aber wenn der Abend dunkelt,
Jeder fliegt dem Neste zu,
Er nur schwebt noch, singt und funkelt,
Denn für ihn giebts keine Ruh.

Statt der Füsse hat er Schwingen,
Leuchtend, glühend, purpurrot,
Statt zu rasten, muss er singen,
Funkeln, glänzen, bis er tot.

Ob die andern schlummernd träumen,
Traum und Schlummer kennt er nie: –
Ruhlos so in Aetherräumen
Fliegt des Dichters Phantasie.

Glühend, leuchtend, farbenprangend,
Einsam in der Lüfte Schoss,
Zwischen Erd und Himmel hangend,
Goldbeschwingt und – heimatlos.


aus: Dresdner Dichterbuch, Herausgegeben von Dr. Kurt Warmuth, Verlag von Wilhelm Baensch, Dresden, 1903, S. 128f.

Stine Andresen – Das Haus am Strand

Lea von Littrow – Wäscherinnen an der Mole (um 1890)

Stine Andresen – Das Haus am Strand.



Es liegt ein Haus am Strande,
Umrauscht vom Schilf und Ried,
Die Welle rollt zum Lande
Und singt ihr altes Lied.
Es huschen wie Gespenster
Die Möwen um das Haus;
Es blickt zum offnen Fenster
Ein holdes Kind hinaus.

Die Sonne will versinken
In blauer Meeresflut
Und zarte Wölkchen trinken
Des Westens Purpurglut;
Am kleinen Häuschen schimmert
Jedwedes Fensterlein,
Des Mägdleins Goldhaar flimmert
Im Abendsonnenschein.

Vor meinem Geiste schwebet
So wundersam und mild,
Indes das Herz mir bebet,
Dies heimatliche Bild.
Und wie's so schön gestaltig,
So freundlich an mich lacht,
Ist in der Brust gewaltig
Das Heimweh mir erwacht.

Du stilles Haus am Strande,
Ich ließ mein liebstes Gut
Auf diesem Erdenlande
In deiner treuen Hut;
Nicht länger will ich säumen,
Eh' noch verrinnt das Jahr,
Birgst du in deinen Räumen,
Will's Gott, ein selig Paar.

Stine Andresen, Gesammelte Gedichte, Herausgegeben von K. Schrattenthal, Schriften-Niederlage der Anstalt Bethel, Bielefeld, 1896, S. 78.

Dienstag, 4. Mai 2010

Johanna Charlotte Unzer – Bacchus

Johanna Charlotte Unzer

(27. November 1725 in Halle – 29. Januar 1782 in Altona)



Bacchus.


Ich habe den Vater der Lieder,
Den freundlichen Bacchus gesehn.
Steh! rief er und taumelte nieder;
Der Wankende konnte nicht stehn.
Ich reicht' ihm die helfenden Hände:
Ach, aber, wie war er so schwer!
Ich fiel, und da sagt' er, er fände,
Ich sei noch berauschter als er.

Der boshafte Vater der Wahrheit
Betrog sich für diesmal gewiss.
Ich sah ja mit völliger Klarheit,
Dass er nur zu Boden mich riss.
Doch, um ihn nicht Lügen zu strafen,
Und weil er sich selten betrügt:
Bin ich gleich gefällig entschlafen, –
Und eben erwach ich vergnügt!

aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, herausgegeben von Maximilian Bern, Verlag Otto Eisner, Berlin, 12. Tsd. 1904, S

Montag, 3. Mai 2010

Bertha Nölting (Pseudonym: E. Heldt) – Goethes Friederike


Friederike Brion

I.

Im wohlgehegten Gärtchen, umglänzt vom Morgenschein,
Wo um die Gitterlaube sich Geisblatt schmiegt und Wein,

Dort sitzt im weißen Kleide, das Silberhaupt gesenkt,
Die Greisin traumverloren ndash;: ob sie der Jugend denkt?

Die Sonntagsglocken klingen traut durch die stille Luft,
Und aus den Fliederbüschen der Fink sein Liebchen ruft. –

Vor zweiundvierzig Jahren! Ein Morgen so wie heut –
Zur Sonntagsfeier rief uns ser Glocken sanft Geläut. –

Da schritt an meiner Seite der Jüngling wunderbar,
Die Gluth und Kraft der Sonne im dunklen Augenpaar!

Und Flammenworte flossen von seinem frischen Mund
Und thaten ein geheimniß, das seligste, mir kund!

O Tag, so reich an Wonnen! O Tag der Zauberpracht!
Wie bist du schnell versunken! Wie dunkel war die Nacht!

Und doch mit reinstem Schimmer hast du mein Herz erhellt,
Daß ich dich nimmer tauschte um alles in der Welt!

Ich habe ihn gesegnet viel tausend, tausend Mal,
Den mir der Herr gesendet in's grüne Elsaßthal!

Er hob nach kurzer Ruhe das mächt'ge Flügelpaar
Und schwang sich in die Lüfte, ein königlicher Aar!

Ich sah ihm nach und wußte, daß ich für ewig sein,
Und hegte sein Gedächtniß im tiefsten Herzensschrein.

Und diese meine Lippen, von seinem Kuß geweiht,
Ich trage sie hinüber rein in die Ewigkeit! –


II.

Im schlichten Arbeitszimmer am Pulte steht ein Greis –
Durch's off'ne Fenster flüstern die Gartenbäume leis'.

Er sendet Lichtgedanken in warmen Strahlen aus,
Daß herrlich sie erhellen der Erde dunkles Haus.

Er schildert wie aus Irrthum und Jugendleidenschaft
Empor sich ringt der Jüngling zu ächter Manneskraft.

Und ie er sinnt in Träumen, die Götterstirn geneigt,
Ein Bild, ein wunderholdes, aus Morgennebeln steigt.

Mit Spannung harrt der Schreiber lang auf des Dichters Wort, –
Nach tiefem Seufzen endlich und stockend fährt er fort:

»Sie schritt so schlank und heiter, den Strohhut üner'm Arm,
Als gäb' es auf der Erde nicht Sorge und nicht Harm!

Die blonden Zöpfe hingen herab den Nacken schwer,
Das blaue Auge forschte frei in der Luft umher.

Im knappen weißen Mieder, im schlichten weißen Kleid,
So stand sie mir vor Augen in reinster Lieblichkeit!«

Er schweigt, von wonnesel'gem Gefühl die Brust geschwellt:
O schmerzlich-süße Stunden der fernen Jugendwelt!

Mit meiner Liebe mußt' ich ein kindlich dumpfes Sein
Durchbrechen und erschüttern in's tiefste Mark und Bein!

Ich gab ihr höchste Wonne! Ich gab ihr schwerstes Leid! –
Ein treuestarkes Leben – und die Unsterblichkeit!

aus: Das Baltische Dichterbuch, Eine Auswahl deutscher Dichtungen aus den Baltischen Provinzen Rußlands, Herausgegeben von Jeannot Emil Freiherrn von Grotthuß, Verlag von Franz Kluge, Reval, 21895, S. 300f.


Sonntag, 2. Mai 2010

Sophie Verena – Stille Liebe

Stille Liebe


Wär' ich ein Mann! – ich müßte sie erringen,
     Sie, die mein Herz erwählt, sie würde mein,
     Ich würde alles Hemmende bezwingen,
     Ich würd' ein Held für meine Liebe sein.
Mit starkem Arm teilt' ich des Lebens Wogen,
     Erwürbe Ansehn, Ruhm und Reichtum mir,
     Und hätt' ich dann das goldne Netz gezogen,
     Legt ich die Schätze all' zu Füßen ihr.
Ich wollte stets mit Liebe sie umgeben,
     Ich schaffte ihr den schönsten eignen Herd,
     Ich böte ihr solch volles, reiches Leben,
     Wie's wen'gen Sterblichen noch ward beschert.
Wär' ich ein Mann, da gäb's kein Unterliegen,
     Mit einer solchen Liebe muß man siegen.


Ich bin ein Weib! – und mit gebundnen Händen
     Kann für mein Lieben ich nicht kämpfen, wagen,
     Darf keinen Strahl aus meinem Herzen senden,
     Ihm, was so lang dort lebt und glüht, zu sagen.
Und seh' ich ihn, so darf das Hochentzücken
     Doch nimmermehr aus meinen Augen leuchten,
     Oft will das Herz vor heißem Weh ersticken,
     Doch keine Thräne darf die Wimper feuchten.
Wohl gilt ihm nichts mein Lieben und mein Leben,
     Doch könnte das ihm Erdenglück erwerben:
     Ich wollte tropfenweis mein Herzblut geben,
     Mir wär es Seligkeit, für ihn zu sterben.
Ich bin ein Weib! – was ist mir denn geblieben?
     Nichts als ihn lieben, still, doch ewig lieben.

Sophie Alberti (geb. Mödinger) Pseud. Sophie Verena (5. August 1826, Potsdam – 15. August 1892, Potsdam)

Abbildung: copyright Harald Reiter

Johanna Beckmann - Hexen-Schuß

Hexen-Schuß An der grünenden Linden War er zu Haus. Das Glück wollt' er finden Und wanderte aus. Unter'm Hexen-Besen-Baum...