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Bertha Nölting (Pseudonym: E. Heldt) – Goethes Friederike


Friederike Brion

I.

Im wohlgehegten Gärtchen, umglänzt vom Morgenschein,
Wo um die Gitterlaube sich Geisblatt schmiegt und Wein,

Dort sitzt im weißen Kleide, das Silberhaupt gesenkt,
Die Greisin traumverloren ndash;: ob sie der Jugend denkt?

Die Sonntagsglocken klingen traut durch die stille Luft,
Und aus den Fliederbüschen der Fink sein Liebchen ruft. –

Vor zweiundvierzig Jahren! Ein Morgen so wie heut –
Zur Sonntagsfeier rief uns ser Glocken sanft Geläut. –

Da schritt an meiner Seite der Jüngling wunderbar,
Die Gluth und Kraft der Sonne im dunklen Augenpaar!

Und Flammenworte flossen von seinem frischen Mund
Und thaten ein geheimniß, das seligste, mir kund!

O Tag, so reich an Wonnen! O Tag der Zauberpracht!
Wie bist du schnell versunken! Wie dunkel war die Nacht!

Und doch mit reinstem Schimmer hast du mein Herz erhellt,
Daß ich dich nimmer tauschte um alles in der Welt!

Ich habe ihn gesegnet viel tausend, tausend Mal,
Den mir der Herr gesendet in's grüne Elsaßthal!

Er hob nach kurzer Ruhe das mächt'ge Flügelpaar
Und schwang sich in die Lüfte, ein königlicher Aar!

Ich sah ihm nach und wußte, daß ich für ewig sein,
Und hegte sein Gedächtniß im tiefsten Herzensschrein.

Und diese meine Lippen, von seinem Kuß geweiht,
Ich trage sie hinüber rein in die Ewigkeit! –


II.

Im schlichten Arbeitszimmer am Pulte steht ein Greis –
Durch's off'ne Fenster flüstern die Gartenbäume leis'.

Er sendet Lichtgedanken in warmen Strahlen aus,
Daß herrlich sie erhellen der Erde dunkles Haus.

Er schildert wie aus Irrthum und Jugendleidenschaft
Empor sich ringt der Jüngling zu ächter Manneskraft.

Und ie er sinnt in Träumen, die Götterstirn geneigt,
Ein Bild, ein wunderholdes, aus Morgennebeln steigt.

Mit Spannung harrt der Schreiber lang auf des Dichters Wort, –
Nach tiefem Seufzen endlich und stockend fährt er fort:

»Sie schritt so schlank und heiter, den Strohhut üner'm Arm,
Als gäb' es auf der Erde nicht Sorge und nicht Harm!

Die blonden Zöpfe hingen herab den Nacken schwer,
Das blaue Auge forschte frei in der Luft umher.

Im knappen weißen Mieder, im schlichten weißen Kleid,
So stand sie mir vor Augen in reinster Lieblichkeit!«

Er schweigt, von wonnesel'gem Gefühl die Brust geschwellt:
O schmerzlich-süße Stunden der fernen Jugendwelt!

Mit meiner Liebe mußt' ich ein kindlich dumpfes Sein
Durchbrechen und erschüttern in's tiefste Mark und Bein!

Ich gab ihr höchste Wonne! Ich gab ihr schwerstes Leid! –
Ein treuestarkes Leben – und die Unsterblichkeit!

aus: Das Baltische Dichterbuch, Eine Auswahl deutscher Dichtungen aus den Baltischen Provinzen Rußlands, Herausgegeben von Jeannot Emil Freiherrn von Grotthuß, Verlag von Franz Kluge, Reval, 21895, S. 300f.


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Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…