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Johanna Charlotte Unzer – Bacchus

Johanna Charlotte Unzer

(27. November 1725 in Halle – 29. Januar 1782 in Altona)



Bacchus.


Ich habe den Vater der Lieder,
Den freundlichen Bacchus gesehn.
Steh! rief er und taumelte nieder;
Der Wankende konnte nicht stehn.
Ich reicht' ihm die helfenden Hände:
Ach, aber, wie war er so schwer!
Ich fiel, und da sagt' er, er fände,
Ich sei noch berauschter als er.

Der boshafte Vater der Wahrheit
Betrog sich für diesmal gewiss.
Ich sah ja mit völliger Klarheit,
Dass er nur zu Boden mich riss.
Doch, um ihn nicht Lügen zu strafen,
Und weil er sich selten betrügt:
Bin ich gleich gefällig entschlafen, –
Und eben erwach ich vergnügt!

aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, herausgegeben von Maximilian Bern, Verlag Otto Eisner, Berlin, 12. Tsd. 1904, S

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Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
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Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
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Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
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Ich sehne mich nach schw…

Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Maria do Ceo - Sterbend aus Liebe

Sterbend aus Liebe.

Holt mir Blütentriebe,
Denn ich sterb' aus Liebe.


Überdeckt mich doch mit Blüten,
Dass die Liebe nicht im Winde
             Entschwinde;
Thut es; weiss ja doch ein Jeder,
Dass wie Blütenduft zerstiebe
Die Liebe.


Sorget, dass ich bald als Bahrtuch
Lilien und Jasmin erwerbe;
Ich sterbe;
Fragt ihr mich: Woran? — Es wollte,
Dass kein Hoffen mir verbliebe,
Die Liebe.


Aus: Aus Portugal und Brasilien (1250-1890) Ausgewählte Gedichte verdeutscht von Wilhelm Storck, Münster i. W., 1892