Donnerstag, 17. Juni 2010

Louise Otto - Für alle


Höllenfahrt Christi von Fra Angelico

Für alle.

Für alle! hören wir die Worte tönen,
Da wird das Herz uns plötzlich groß und weit!
Sie künden uns wie mit Drommetendröhnen
Den Siegsgesang der echten Menschlichkeit.
Denn anders ist kein heilig’ Werk zu krönen
Und anders nie zu enden Kampf und Streit,
Als wenn ein Heil, das in die Welt gekommen
Der Sonne gleich für alle ist entglommen.

»Für alle!« sangen einst der Engel Scharen
In jener gottgeweihten heil’gen Nacht,
»Für alle will der Herr sich offenbaren
In seiner ewigtreuen Liebesmacht;
Für alle hat er Noth und Tod befahren
Und der Erlösung großes Werk vollbracht,
Das gleich den Gliedern eines Leibes einte
Mit festem Band die gläubige Gemeinde.«

»Für alle –« klang es im Hussitenheere –
»Ist auch der Gnade Kelch mit Christi Blut,
Denn allen ward verkündet seine Lehre,
Die in der Gleichheit aller Menschen ruht,
Und Erd’ und Himmel hat nicht höhre Ehre,
Als nun uns wird mit dem geweihten Gut!«
Im Märtyr’tum, in grauser Todeshalle
Ertönt es noch: »Der Kelch des Heils für alle!«

So wußten sie die Losung recht zu fassen,
Erteilten sie an Mann und Weib zugleich.
Sie wollten nicht das hohe Erbteil lassen,
Das Bürgertum im neuen Liebesreich.
Da gab es keinen Neid mehr und kein Hassen,
Kein Sklaventum, kein Herschen stark und feig,
Die Seelen galt’s, die freien, zu erretten
Aus düsterm Bann, aus schwerer Knechtschaft Ketten.

Wo wieder aber ward der Ruf vernommen:
»Für alle Freiheit!« klang es fast wie Hohn,
Denn für die Männer nur war er gekommen
Im Wettersturm der Revolution.
Denn schien auch Joch auf Joch hinweggenommen,
Und stürzte auch in Trümmer Thron um Thron:
Dem Männerrecht nur galt das neue Ringen,
Das Frauenrecht blieb in den alten Schlingen.

Wohl grüßten freie Männer sich als Brüder,
Nur Bürger gab es, nicht mehr Herr und Knecht;
Wohl sangen sie der Liebe Bundeslieder
Und fühlten sich als ein erneut’ Geschlecht.
Doch auf die Schwestern blickten stolz sie nieder,
Der Menschheit Hälfte blieb noch ohne Recht,
Blieb von dem Ruf: »für alle!« ausgenommen –
Ihr muß erst noch der Tag des Rechtes kommen.

Der Frauen Schar, die in den Staub getreten,
Ward nur erhoben an des Glaubens Hand.
Die Besten lernten fromm zum Himmel beten,
Weil ja die Erdenwelt sie nicht verstand;
Die andern aber ließen sich bereden
Sie seien nur bestimmt zu Spiel und Tand,
Es sei ihr höchstes Ziel im süßen Minnen,
Des ganzen Lebens Inhalt zu gewinnen.

Doch wiederum wird einst der Ruf erklingen:
So wie vor Gott sind wir auf Erden gleich!
Die ganze Menschheit wird empor sich ringen
Zu gründen ein erneutes Liebesreich,
Dem Weibe wie dem Mann sein Recht zu bringen
Zu wahren mit des Friedens Palmenzweig.
In laut’rer Wahrheit stolzem Siegesschalle
Tönt’s noch einmal: »Erlösung kam für alle!«

Montag, 7. Juni 2010

Rosa Maria (Assing) – Amor und die Nymphen

Caesar van Everdingen - Bachus en Ariadne

Amor und die Nymphen.


In dem Haine Aphroditens
Lag der kleine Sohn der Göttin,
Amor, einst in tiefem Schlafe
(Denn auch Amor schläft zuweilen!)
Hingestreckt im jungen Grase.
Bunte Wiesenblümchen schmiegten
Sich an seine zarten Glieder,
Leichte Zefiretten kosten
Mit den kleinen goldnen Locken,
Die geringelt und ambrosisch
Um das zarte Antlitz wallten,
Und vor Phöbus Feuerstrahlen
Schützte ihn der Rosenbüsche
Einer, der im heil’gen Haine
Blühend, süße Düfte hauchte.
Von den Nymphen Hand gepfleget,
Blühten weiß die zarten Rosen,
Und noch keine böse Stacheln,
Die verletzen zarte Hände,
Waren ihnen beigesellet.
Doch da kam die Schaar der Nymphen,
Blumen in dem Hain zu pflücken,
Um den Altar Aphrodite’s
Schön zu schmücken und zu kränzen,
Und so nahten sie dem Strauche,
Wo der kleine, lose Knabe
Lag in tiefem, festem Schlafe.
»Schwestern!« rief die eine Nymphe,
»Schwestern! hütet euch und pflücket
Ja nicht dort von jenen Rosen,
Denn es liegt der Knabe Amor
Schlafend dort in ihrem Schatten;
Leichtlich könntet ihr ihn wecken!
Und nicht ist ja sein Erwachen
Heilsam immer, wie mich dünket!«
Doch die Jüngste sagte leise:
»Wahrlich, Schwesterchen, ich möchte
Mich für manche lose Streiche
An dem bösen Knaben rächen!
Sieh, es liegt dort Pfeil und Bogen
Neben ihm im grünen Grase;
Sagt, wie wär’ es, wenn die Pfeile
Wir dem Schalke schnell zerbrächen?«
Eines Sinns ward bald der Nymphen
Blüh’nde Schaar, die jüngste raubte
Leise seinen goldnen Köcher,
Und die zarten, weißen Händchen
Waren eifrig nun beschäftigt,
Von den wohlgeschärften Pfeilen
Schnell die Spitzen abzubrechen;
Dann sie alle schnell enteilten
Leisen Tritts, voll Schadenfreude.
Als nun Amor drauf erwachte,
Und des Frevels inne worden
An den Pfeilen, an den Spitzen,
Die zerstreut im Grase glänzten:
Rief er halb von Zorn entrüstet:
»Ha! gewiß wart ihr es, Nymphen,
Die mich Schlummernden beschlichen! –
Doch, fürwahr, ihr sollt der Strafe
Eures Muthwills nicht entgehen!«
Schnell nun sammelt’ er die Spitzen,
Raffte sie behend vom Grase,
Und, zum Rosenstrauch gewendet,
Rief er: »Werde du mein Rächer!«
Fügt’ dann an der Rosen Stiele
Heimlich seiner Pfeile Spitzen.

Bald nun kam die Schaar der Nymphen
Froh zurücke, lustig schäkernd;
Neugier trieb sie und Verlangen,
Ihrer That Erfolg zu schauen. –
Als sie fanden leer die Stelle,
Wo der kleine Gott geschlafen,
Eilten hin sie zu den Rosen,
Nicht die Rache Amors ahnend.
Aber weh! die zarten Finger
Ritzten wund sich an den Stacheln,
Daß das Blut hernieder rieselnd
Färbte roth die weißen Rosen.
Und als drauf in ihrem Kranze
Voll Verwundrung Aphrodite
Sah der Rosen rothen Schimmer,
Sah die Dornen noch und Wunden
An der Nymphen zarten Händchen,
Forschte sie, wie das geschehen! –
Ihr erzählten nun die Nymphen,
Bitter über Amor klagend,
Wie mit steten Neckereien
Unaufhörlich er sie plage,
Und wie nun sie zur Vergeltung
Einen Scherz mit ihm gewaget,
Den so tückisch er erwiedert. –
Doch es hörte Aphrodite
Ruhig von des Söhnchens Tücke,
Und erwiedert’ ernst, doch gütig:
»Oft ja warnt’ ich schon euch, Kinder!
Wer will mit der Liebe scherzen,
Erntet bittre Pein und Schmerzen!«


aus: Rosa Maria's poetischer Nachlaß, Herausgegeben von D. A. Assing, Verlag von Joh. Friedr. Hammerich, Altona, 1844, S. 6-9.


Freitag, 4. Juni 2010

Bettina von Arnim - Eros

Jules Joseph Lefebvre, L'amour Blesse
Eros
 
Im Bett der Rose lag er eingeschlossen,
Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten,
Die taugebrochnen Strahlen schmeichelnd gleiten
Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen.
 
Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen
Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten
Und durch der Biene Summen, die zuzeiten
Vorüberstreift an zitternden Geschossen.
 
Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen
Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben,
Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen.
 
Es ist mein Auge vor ihm zugesunken,
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben,
In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.

Johanna Beckmann - Hexen-Schuß

Hexen-Schuß An der grünenden Linden War er zu Haus. Das Glück wollt' er finden Und wanderte aus. Unter'm Hexen-Besen-Baum...