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Gertrud Triepel – Schicksal

Akseli Gallen-Kallela – Démasquée


Sie sahn sich wieder nach langer Zeit,
Die sich als Kinder verlassen!
Die eine umhegte die Einsamkeit
Der heimatlich stillen Gassen;


Die andere hatte im Lärm der Welt
Allmählich ihr Selbst verloren
Und sich in schwankem lustigem Zelt
Ein Wanderleben erkoren.


Die eine mit arbeitsmüder Hand
Kam schüchtern dahergegangen –
Die andere rauschte im Seidengewand,
Geschmückt mit güldenen Spangen.


Die eine blickte noch fromm und rein,
Wie einst in den Kindertagen –
Die andre schien flackernden Feuerschein
Im dunklen Auge zu tragen.


Die eine hatte mit schlichtem Sinn
Ihr Glück in der Enge gezimmert –
Die andre gab's für ein Irrlicht hin,
Das lockend und hell geflimmert.


Sie sahn sich wieder nach langer Zeit
– Wie zitterten ihr Herzen –
Sie dachten der Kinderseligkeit
Mit ihren Wonnen und Schmerzen.


Sie dachten der Tage, die sie durchlebt,
Der Freuden, die sie genossen,
Und was sie errungen und was sie erstrebt
Und warm und innig umschlossen.


Die eine schaute verklärt in's Licht
Und fand des Dankes kein Ende –
Die andre vergrub ihr blasses Gesicht
Aufschluchzend in beide Hände!

aus: Buch der Sehnsucht, Eine Sammlung deutscher Frauendichtung, Eingeleitet und herausgegeben von Paul Remer, Verlegt bei Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig, 1900, S. 284f.

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Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…