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Johanne Juliane Schubert - Gedanken am Abend

Gedanken am Abend

Zu jener Reih' von meinen Lebensstunden,
Die schon unwiederbringlich schnell verschwunden,
Floß abermal ein Theil von meiner Zeit,
Ein Tag ins tiefe Meer der Ewigkeit!

Wie eilen dieses Lebens Augenblicke!
Vergebens wünsch' ich einen mir zurücke;
Und doch ist jeder mir ein Schritt ins Grab;
Ein Wink! mein halbes Wesen sinkt hinab!

Wie viele meiner Brüder, Gott! wie viele
Stehn jetzt vielleicht an ihrem Lebensziele!
Wie manchen ruft, eh' er's vielleicht gedacht,
Der Vorsicht Wink zur stillen Grabes-Nacht.

Führt seinen Geist zur Ewigkeit hinüber! –
Auch meine Tage rauschen schnell vorüber!
Auch ich bin Mensch, und meine Lebenszeit
Grenzt unzertrennlich an die Ewigkeit.

Bald ist sie da! mit jedem meiner Tritte
Naht sich der feierlichste meiner Schritte,
Der Schritt zur andern Welt; was wirds dann seyn
Das einst im Tode noch mich wird erfreun?

Ein Herz, das brechend noch mit Ruh darf sagen:
Bestimmt, für reine Tugend nur zu schlagen,
Blieb ich zwar nicht von Menschenschwächen frei,
Doch jeder meiner Menschenpflichten treu.

Allwissender! du kennest meine Seele,
Du siehest es, wie oft ich strauchelnd fehle;
Ach leite selbst und stärke mich mit Kraft,
Zu leben christlich, fromm und tugendhaft!

Hilf, daß ich stets dein helles Auge scheue!
Mich dem Beruf der Menschheit thätig weihe,
Dann wird des Todes-Engels grauses Bild
Für mich ein Bote Gottes, sanft und mild.

Dann fürcht' ich nichts, mag immer auf dein Winken,
Ins Grab, o Herr! die morsche Hülle sinken:
Weit über Staub und über Welt und Zeit
Erhebt mein Geist sich zur Unsterblichkeit.


aus: Gedichte der Webers-Frau Johanne Juliane Schubert geb. May, zu Würgsdorf bei Bolkenhain, Ernst Müller, Reichenbach, 1810, S. 21 f


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Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…