Margaretha Adelmann - Das Mädchen am Berge

Eugène Carrière - Woman



Ein Mädchen sitzt am Berge,
Und schaut ins Land hin weit;
In ihren jungen Jahren
Hat sie schon viel erfahren,
Und ist voll Traurigkeit.


Es zog ihr Vielgeliebter
Am Wanderstabe hinaus,
Fort, in die Welt, die weite,
Fort unter fremde Leute,
Und kömmt nicht mehr nach Haus.


Und nun sind es zwei Jahre,
Daß er von dannen ging;
Zwei Jahre sind vorüber,
Seit trüb und immer trüber
Das Leben mich umfing!


Und groß und immer größer
Wird ihrer Sehnsucht Schmerz,
Und wild und immer wilder
Umklammern Schreckensbilder
Ihr angstgequältes Herz.


Und nimmer kann sie ruhen,
Es läßt sie nicht zu Haus,
Des höchsten Berges Spitze,
Wählt sie zu ihrem Sitze,
Und schaut ins Land hinaus!


Und schauet in die Ferne,
Bis spät die Sonne sinkt,
Ob von den vielen Wegen
Nicht einer ihr entgegen
Den Heißgeliebten bringt?


O! sitze nur am Berge
Und schau’ dich weinend um!
Es Niemand dir verarge,
Denn es liegt ja im Sarge
Dein Liebster — kalt und stumm;


Was deine ganze Seele
So ängstlich dir bewegt,
Es ist ein düstres Mahnen —
Es ist ein Todes Ahnen,
Das sich ans Herz dir legt.


Es ist das letzte Grüßen,
Das dir dein Jüngling bringt;
Mit dem, vom Tod durchzücket,
Er an die Brust dich drücket,
Eh’ er zusammensinkt.


Drum weile nur da Oben,
Du armes Mädchen du!
Auf diesen stillen Höhen
Wird dich sein Geist umwehen,
Da lächelt er dir zu.




Aus: Margaretha Adelmann, Gedichte, F. A. Brockhaus, Leipzig, 1844






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