Anna Louise Karschin - Die Linden.

Unter den Linden um 1800


Die Linden.

Erstlinge jener Pracht, die unsrer Herrscher Güte
Und ihrer Königsstädte Glanz erhöhn! —
Die Jugend von Berlin, und seines Wohlstands Blüthe
Habt ihr mit eurem Flor erwachsen sehn.


Voll Ehrfurcht konntet ihr schon ihm die Wipfel neigen,
Wenn er den Weg durch eure Reihen nahm.
Der große Ahnherr, dem kein Herrscher zu vergleichen,
Bis er, sein grösserer Urenkel, kam.


Der lorbeernreiche Fürst; der uns in euren Schatten
Des Friedens Glück, die Ruh im Kriege schenkt,
Indeß sein Arm uns schüzt, und ohne zu ermatten
Zum Sieg die Schwerdter seiner Heere lenkt.


Von ihm beschirmet stöhrt kein Wetter euren Frieden
Und eure Ruh kein kriegerischer Blizz:
Wenn Schwerdt und Flamm' umher den Völkern Schrekk' gebieten
So seid doch ihr der stillen Weisheit Sizz.


Ich seh' wie sie herab auf Eure Schatten schauet
Minerva: und nach ihrem Tempel blikt :
Da wo ein König einst ihr Thronen aufgebauet
Von welchen sie sein Volk lehrt und beglükt.


Seht! ihre Schüler fliehn zu euch aus dem Gedränge
In euren stillen Schatten wandeln sie:
So wandelten sie einst durch deine ruh'gen Gänge,
Wo Plato sprach, Athens Academie!


Von hier erleuchtete durch ihre weisen Söhne,
Minerva: Griechenland, Rom, Orient:
So hat die Göttin auch, Berlin! durch deine Söhne
Europa Licht und Lehrer oft gegönnt!


O immer müssen sich der Nachwelt zum Exempel,
Hier Männer ganz dem Dienst der Weisheit weihn:
Berlin was einst Athen, und dieser stille Tempel
Ein Pharus, der die Welt erleuchtet, sein.


Aus: Die Spazier-Gaenge von Berlin (Drei unbekannte Gedichte der Anna Louise Karschin.), 1761Der Gesellschaft der Bibliophilen, zu ihrer Generalversammlung am 16. Oktober 1921 in Berlingewidmet von Oskar Rauthe, Verlagsbuchhändler und Antiquar, Berlin-Friedenau, Nr. 25 von 300 Exemplaren




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