Olga von Oberkamp - Willi.

Franz von Stuck - Sterbende Amazone



Les’ ich, o Weib, in deiner Züge Schrift,
Wie Zauberschrift rührts mich aus alten Mären,
Dein Reiz so süß und doch dein Lächeln Gift,
Unheil dein Blick, Verderben deine Zähren.


Dein Willi-Arm, dein Zauberarm, ich weiß,
Nicht Mensch, noch Gott kann mich daraus erlösen,
Und manche Frauen webt ein Zauberkreis,
Wer den betrat, verfiel der Macht des Bösen.


Sieh dort, durch vieler Jahre tausens seh’
In langem Zug ich sie vorüberwallen,
Eva — Delia hier, dort Bethsabe,
Dann jene, um die Troja einst gefallen.


Und weiter immer wie ich in dem Buch
Der Weltgeschichte Blatt um Blatt auch wende,
Das Weib des Mannes Schicksal und sein Fluch,
Ein dunkler Faden spinnt sich’s bis ans Ende.


Und doch! O Sturm und Drang, o Lieb und Lust,
Sirenensang, wen deine Klänge riefen,
Den lockts, »du mußt,« ruft es ihm zu, »du mußt«
Und jauchzend stürzt er sich in Abgrundstiefen.


aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Verlag Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, 1888, S. 24 f.



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