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Else Galen-Gube – Hymen.

Sir Joshua Reynolds – Three Ladies Adorning a Term of Hymen


Hymen



Am Horizont verglimmt des Tages Schein,
der Abend sinkt in satten Farbengluten;
im fernen West will sich der Tag verbluten,
wir beide endlich, endlich ganz allein.


Du schaust mir selig lächelnd ins Gesicht,
an meinen Wimpern siehst du Tränen hangen;
zwei heiße Zähren, die nach Zweifelsbangen
das Glück gebar. O das verstehst du nicht.


Lös nicht den Gürtel jetzt mir vom Gewand,
entweihe nicht die Heiligkeit der Stunde;
dein bin ich, dein aus tiefsten Herzensgrunde –
Komm, leg auf meine Stirn nur deine Hand.


Ich weiß, du hast dich ja nach mir verzehrt,
in wilder Sehnsucht, schweigend, ohne Klagen;
grausam bin ich – und doch, konnt ich denn sagen:
»Dein eigen sei, was du so heiß begehrt?«


Was blickst du so verstört, so starr mich an?
Nichts soll sich zwischen unsre Liebe türmen?
O du – – ich weiß. Du willst den Himmel stürmen ..
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – 
So stürm ihn denn, du heißgeliebter Mann.


aus: Else Galen-Gube, Im Bann der Sünde, Gedichte, Thomas & Oppermann, (Ferd. Beyers Buchhandlung), Königsberg i. Pr., 1905.

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Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…