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Louise Otto - Wär’ ich gestorben!

Claude Monet - Stillleben mit Sonnenblumen



Wär’ ich gestorben!


Wär ich gestorben in der Kindheit Tagen
Als ahnungsvoll mein erstes Lied ich sang,
Indeß im Marsellaisenwirbel-Schlagen
Das Freiheitsjauchzen meines Volkes klang,
Wo ich versteckt in meiner stillen Zelle
Begeistrungsvoll den Sieg des Fortschritts pries,
Und wo der Neuzeit morgenrote Helle
Ein träumrisch Kind zur Sängrin werden ließ.


Wär ich gestorben, da mich der umfangen
Der mir der Liebe Götterkraft gelehrt,
Beim ersten Kuß auf meine bleichen Wangen
Beim ersten Liebeswort, das ich gehört –
Da schwebten alle Himmel zu mir nieder,
Da lächelten mir alle Engel zu!
In seinem Herzen fand ich meines wieder
In seinem Arm allein der Sel’gen Ruh.


Wär ich gestorben als mit freien Liedern
Mich einst begrüßt ein deutscher Sängerchor,
Wo ihre Stimmen mir sich zu verbrüdern
Durch nächt’ge Stille schallten laut empor;
Daß ich es fröhlich durfte nun erkennen:
Was ich gestrebt mit redlich frommen Sinn,
Was ich gethan mich Deutschlands wert zu nennen
Die deutsche Jugend nahm es fröhlich hin!


Wär ich gestorben in der Töne Wettern
Beim Freudenchor der neunten Symphonie,
Wo Menschen werden zu lebend’gen Göttern
In dem Titannensturm der Poesie;
Wo Flammenblicke in das Herz mir glühten
Zu gleicher jubelnder Begeisterung!
Wo neue Paradiese mich umblühten
Und in den offnen Himmel war ein Sprung –


Wär ich gestorben als Du mich, Poete
Von Gottes Gnaden, Schwester hast genannt,
Des klagend Lied und dessen freie Rede
In meinem Herzen lautes Echo fand,
Und als Du selber lauschtest meinem Sange
Wie einer liebgewordnen Molodie,
So lauscht der Strom auf seinem weiten Gange
Der nahen Quelle und dem Strom lauscht sie.


Wär ich gestorben – doch es ist vergebens –
Nicht in den Stunden reiner Seligkeit,
Nicht in der Fülle eines kühnen Strebens
Naht uns der Tod und findet uns bereit!
Erst muß vorbei die stolze Stunde rennen
In der wir zweifellos uns selbst geglaubt,
Erst muß die heil’ge Flamme niederbrennen,
Der Kranz verdorren der uns frisch umlaubt!


Erst müssen wir auf Gräbern wandeln lernen
Und unser Herz muß werden selbst ein Grab;
Die leuchtendsten von unsres Glückes Sternen
Sie müssen vor uns sinken bleich hinab,
Erst wenn wir einsam unter Trümmern stehen,
Entlaubte Bäume unter Eis und Schnee,
Dann dürfen langsam wir zum Tode gehen,
Doch ohne Jubel, ohne Abschiedsweh.


aus: Louise Otto, Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. Moritz Schäfer Verlag, Leipzig, 1893



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Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
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Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…