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Es werden Posts vom Mai, 2011 angezeigt.

Anna Behrens-Litzmann - Wahnsinn der Nacht

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Wahnsinn der Nacht.

Wahnsinn der Nacht, pechschwarze Wolken rasen
Am Himmel hin und her von Ost nach West,
Und trunknen Wächtern gleich, die Winde blasen,
Der Stunden nicht mehr achtend, bis der Mond
Selbst taumelnd sich von Wolken fangen läßt.


Baumschatten ringeln sich wie Schlangenketten,
Mit denen Kinder froh am Tag gespielt.
Schwarz färbt sie nun die Nacht auf stummen Straßen,
Und furchtsam in die weichen Wolkenbetten
Ein Sternlein nach dem andren scheu sich stiehlt.


Vom Wahn ergriffen scheinen auch die Berge
Zu schütteln sich, die sonst in Schweigen ruhn,
Denn ihre Bäume spielen mit den Winden,
Und Riesen dünken sich die kleinsten Zwerge,
Solang’ die Nacht verzerrt ihr tolles Tun.


Die Zeit scheint still zu stehn, die Uhren schweigen,
Nur die Natur hat Stimme noch und Laut,
Bis tief und tiefer sich die Wolken neigen,
Und wie empor die grauen Nebel steigen,
Gestaltlos wird, was rings das Auge schaut.

Wann endet dieser Nacht verzweifelt Ringen,
Das stumm schon in der Dunkelheit zerbricht?
Wann werden wied…

Anna Behrens-Litzmann - Weißt du, wie eine Seele zittern kann

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Weißt du, wie eine Seele zittern kann.

Weißt du, wie eine Seele zittern kann
Und schwer an ungesprochnen Worten tragen,
Die ruhen müssen in des Schweigens Bann,
Weil sie mit leiser Stimme nicht zu sagen?


Und wie sie sehnen sich nach einem Sturm,
Nach einem Wirbelwind sie ganz zu wecken,
Um dann, wie Glockenläuten hoch vom Turm,
Die Menschen aus dem tiefsten Schlaf zu schrecken?


Die würden hören eine Stimme nur,
Durch heil’ge Glut zu Kraft und Wucht entzündet,
Zu ihren Seelen fände sich die Spur,
Und kündete, was keiner noch verkündet.


Und bräche mit geheimnisvoller Macht,
Mit wilden wundervollen Ahnungsschauern
Durch eine irre furchtgebundne Nacht,
Noch Licht entzündend zwischen engen Mauern.


Das fiele in die Dunkelheit hinein
Und flammte zu den Dächern hoch empor,
In allen Gassen leuchtete der Schein,
Bis durch der Zukunft weit geöffnet Tor.

Da stiege herauf eine Zeit, wie sie nimmer gesehn,
Sie wüchse empor aus der Gegenwart düstrem Geschehn,
Sie hätte das Wut, das heiß in die Erde gesunken,
Wie gelagerten…

Anna Behrens-Litzmann - Nicht mit dem Tode will ich Streit

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Nicht mit dem Tode will ich Streit.
Nicht mit dem Tode will ich Streit,
Nur mit dem Leben,
Dem Tode halt ich mich bereit,
Ist’s an der Zeit.
Dem Lebenselend aber will
Ich nichts von meiner Seelenruh’,
Nicht einen Hauch und Schatten geben.


So ist’s ein Kampf vom Morgenglühn
Zum Abendsegen,
Zuweilen frisch und froh und kühn,
Wenn Blumen blühn,
Auf meinen Hoffnungswiesen weit, —
Zuweilen aber bin dem Feind
In banger Nacht ich unterlegen.


Doch grüßt mich wieder fromm und mild
Der neue Morgen,
Dann spiegelt sich in meinem Schild
Des Lebens Bild,
Schön, wie es einst mein eigen war,
Und mit dem Schilde deck’ ich mich,
Und mit dem Schilde fühl’ ich mich
Vor jedem neuen Feind geborgen.


* aus: Anna Behrens-Litzmann, Gedichte, Weiß'sche Universitäts-Buchhandlung, Heidelberg, 1920

Marie Rudofsky - Grabesfrieden

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Grabesfrieden.

Es stehen zwei mächtige Tannen
Im Grunde, vom Wege weitab,
Die tiefgrünen Äste umspannen
Ein frisch erst geschaufeltes Grab.


Dort ruhen zwei Deutsche in Frieden,
Inmitten ein junger Franzos,
's war jedem der Dreien beschieden
Das gleiche, das bitterste Los.


Schwer decken die feuchtbraunen Schollen
Hier Freunde wie Feinde gleich zu;
Im Grabe schweigt Hassen und Grollen,
Ihr Krieger schlaft friedlich in Ruh'.


aus: Marie Rudofsky, Donauwacht, Verlag der k. k. Gesellschaft vom Österreichischen Silbernen Kreuze, Wien, 1917



Anna Behrens-Litzmann - Wunderweiße Sternennacht

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Wunderweiße Sternennacht.
Wunderweiße Sternennacht,
Über unsre arme Erde
Breite deine hehre Pracht,
Daß es in uns Frieden werde.


Nur vom höchsten Himmelsturm
Kann das heil’ge Wort erschallen,
Erdenglocken läuten Sturm
Noch mit Hall und Widerhallen.


Um beschneite Gipfel stehn
Weiße Wolken, licht wie Firne,
Winde, die gleich Seufzern Wehn,
Küssen ihre blasse Stirne.


Licht um Licht löscht drunten aus, —
Doch mit leisen, leisen Tritten
Kommen jetzt von Haus zu Haus
Träume feierlich geschritten.


Alle borgten sich ihr Kleid
Von den Sternen, Silberschwingen
Tragen sie. Es steht die Zeit
Still vor ihrem fernen Klingen.

Lausche, Seele, lausche, Ohr,
Wie sich’s wandeln mag und wenden,
An geheimnisvolles Tor
Klopfen sie mit leisen Händen,


Des Geschehens Riesenmacht
An der Ewigkeit gemessen,
Rinnend durch die Sternennacht
Wird vergehn, verwehn — vergessen.

aus: Anna Behrens-Litzmann, Gedichte, Weiß'sche Universitäts-Buchhandlung, Heidelberg, 1920



Margarete Beutler - Liebeslied

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Liebeslied

Potz, Deubelsdreck und Schwerebrett,
Ick jeh mit Jette Lück zu Bett.
Jette, komm in't Heu mit mich;
Sieben Kinder mach ick dich;
Willstu nich, denn willstu nich,
Aber haben muß ick dich,
Denn mir puderts fürchterlich.
Jette, komm int Heu zu mich!


aus: Erotische Volkslieder aus Deutschland, Herausgegeben von Hans Ostwald, Eberhard Frowein Verlag, Berlin, [1910]
Mit freundlicher Genehmigung der RechteinhaberInnen (unterliegt noch dem Urheberrecht)

Anna Behrens-Litzmann - Sehnsucht

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Sehnsucht.

Meine Sehnsucht gleicht dem Meere,
Kommt und geht im Kreis der Stunden,
Immer wieder hat die Welle
Ihren Weg zu mir gefunden.


Sah ich auch, wenn ich gerungen,
Um im Sturme dann zu siegen,
Nur als bleichen fernen Streifen
Sie am Horizonte liegen. —


Immer wieder, leise, leise,
Kam heran die dunkle Welle,
Und jetzt zähl' ich schon die Kreise,
Und berechne ihre Schnelle.


Und ich fühle, wenn die Schwingen
Meiner Seele stolz sich breiten,
Schon das dumpfe Vorwärtsdringen
Neuer schwerer dunkler Zeiten.


aus: Anna Behrens-Litzmann, Gedichte, Weiß'sche Universitätsbuchhandlung, Heidelberg, 1920


Ite Liebenthal - Es ist so schwer, für einen Schmerz zu danken ...

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Es ist so schwer, für einen Schmerz zu danken
und Liebe glauben, wo uns Leid geschah
und Hände heiligen, in deren schlanken
und kühlen Fingern man die Geißel sah.


So fordre nicht von mir, daß ich nicht weine,
wenn mich dein Segen hart wie Fluch bedünkt,
wenn sich dem stumpfen Geist nicht gleich im Scheine
des neuen Lichtes diese Welt verjüngt


So zürne nicht daß ich den Kranz noch hege,
den ich getragen, der noch nicht zerfiel.
Bald streu ich ihn vor dir zum Staub und lege
in deine Hände auch das letzte Spiel.


aus: Ite Liebenthal, Gedichte, Erich Lichtenstein Verlag, Jena, 1921



Ite Liebenthal - Mehr als mich wirst du die Erinnerung lieben ...

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Mehr als mich wirst du die Erinnerung lieben,
wenn das lebendige Bild hinter den Schleier entweicht,
wenn nur der schwebende Hauch verwehender Worte geblieben,
wenn dich der letzte Sinn versunkener Blicke erreicht.


Dann werd ich ganz dein alterndes Leben umschließen,
Einsamster unter den Menschen, daß nie deine Seele verdirbt.
All meine inneren Quellen, die heut noch verborgen dir fließen,
münden gestillt in dein Herz, und alles Leiden stirbt.


aus: Ite Liebenthal, Gedichte, Erich Lichtenstein Verlag, Jena, 1921



Hennie Raché – Die Sünde.

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Die Sünde.

Du siehst mich an mit Augen groß und trunken,
Du ziehst in Deinen Bannkreis mich hinein;
ich bin in Deinem Anblick ganz versunken –
ach, kann so schön wie Du die Sünde sein?


Du siehst mich an – und deine Blicke funkeln;
wie bebt Dein Purpurmund, zum Kuß bereit!
Es leuchtet mir aus Deinem Aug, dem dunklen,
nicht Glück, nicht Friede – doch Vergessenheit.


Ich seh an Deinem Busen wohl die Schlange,
ich fühle ihres Atems giftgen Hauch;
es klopft mein warnend Herz wohl schwer und bange,
zwar warnt es mich, doch ach, es lockt mich auch.


Ich will Dich einmal, schönes Weib, umfassen,
und sollt ich auch in Deinem Arm vergehn,
ich will mich einmal von Dir küssen lassen! –
Warum, o Weib, bist Du so zaubrisch schön?


aus: Liebeslieder moderner Frauen, Eine Sammlung von Paul Grabein, Hermann Costenoble, Berlin, 1902, S. 171 f.