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Anna Behrens-Litzmann - Wahnsinn der Nacht

William Turner - Shade and Darkness - the Evening of the Deluge



Wahnsinn der Nacht.


Wahnsinn der Nacht, pechschwarze Wolken rasen
Am Himmel hin und her von Ost nach West,
Und trunknen Wächtern gleich, die Winde blasen,
Der Stunden nicht mehr achtend, bis der Mond
Selbst taumelnd sich von Wolken fangen läßt.


Baumschatten ringeln sich wie Schlangenketten,
Mit denen Kinder froh am Tag gespielt.
Schwarz färbt sie nun die Nacht auf stummen Straßen,
Und furchtsam in die weichen Wolkenbetten
Ein Sternlein nach dem andren scheu sich stiehlt.


Vom Wahn ergriffen scheinen auch die Berge
Zu schütteln sich, die sonst in Schweigen ruhn,
Denn ihre Bäume spielen mit den Winden,
Und Riesen dünken sich die kleinsten Zwerge,
Solang’ die Nacht verzerrt ihr tolles Tun.


Die Zeit scheint still zu stehn, die Uhren schweigen,
Nur die Natur hat Stimme noch und Laut,
Bis tief und tiefer sich die Wolken neigen,
Und wie empor die grauen Nebel steigen,
Gestaltlos wird, was rings das Auge schaut.

Wann endet dieser Nacht verzweifelt Ringen,
Das stumm schon in der Dunkelheit zerbricht?
Wann werden wieder Menschenlaute klingen,
Den stillen Gleichtakt unsres Lebens bringen,
Der heil’ge Tag und das geduld’ge Licht?


*


aus: Anna Behrens-Litzmann, Gedichte, Weiß'sche Universitäts-Buchhandlung, Heidelberg, 1920



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Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

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Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
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mit denen die Serenissima
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unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
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dunkel widerspiegelnd den Abglanz
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unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
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Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
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Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

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Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
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Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…