Direkt zum Hauptbereich

Anna Behrens-Litzmann - Weißt du, wie eine Seele zittern kann

Weißt du, wie eine Seele zittern kann.


Weißt du, wie eine Seele zittern kann
Und schwer an ungesprochnen Worten tragen,
Die ruhen müssen in des Schweigens Bann,
Weil sie mit leiser Stimme nicht zu sagen?


Und wie sie sehnen sich nach einem Sturm,
Nach einem Wirbelwind sie ganz zu wecken,
Um dann, wie Glockenläuten hoch vom Turm,
Die Menschen aus dem tiefsten Schlaf zu schrecken?


Die würden hören eine Stimme nur,
Durch heil’ge Glut zu Kraft und Wucht entzündet,
Zu ihren Seelen fände sich die Spur,
Und kündete, was keiner noch verkündet.


Und bräche mit geheimnisvoller Macht,
Mit wilden wundervollen Ahnungsschauern
Durch eine irre furchtgebundne Nacht,
Noch Licht entzündend zwischen engen Mauern.


Das fiele in die Dunkelheit hinein
Und flammte zu den Dächern hoch empor,
In allen Gassen leuchtete der Schein,
Bis durch der Zukunft weit geöffnet Tor.

Da stiege herauf eine Zeit, wie sie nimmer gesehn,
Sie wüchse empor aus der Gegenwart düstrem Geschehn,
Sie hätte das Wut, das heiß in die Erde gesunken,
Wie gelagerten Mein aus goldenen Bechern getrunken.
Und Stimmen klängen, wie selten ein Ohr sie vernähme,
Weil jeder Ton aus der Tiefe des Abgrundes käme,
Und stiege nun rauschend empor wie auf Adlerschwingen
Und ließe durch brausende Winde das Echo erklingen,
Und kehrte zurück von jungen Stimmen getragen,
Der harrenden Welt das Wort der Erlösung zu sagen. —
Da würden die Menschen still und rafften die Kräfte
Und ließen sie kreisen und steigen wie Frühlingssäfte,
Und knüpften die Fäden, zerrissen im Strudel der Zeiten,
Mit reinerer Hand an die Tore der Ewigkeiten.


Ein Traum, ein Wahn, die Flamme nur verzehrt
Den schwachen Leib, die Seele wie ein Licht
Aufzuckend einmal noch sich hilflos wehrt,
Erlischt, — und keiner hört mehr, was sie spricht.


*
aus: Anna Behrens-Litzmann, Gedichte, Weiß'sche Universitäts-Buchhandlung, Heidelberg, 1920






Beliebte Posts aus diesem Blog

Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


This file is licensed under the Creative CommonsAttribution 3.0 Unported license.
Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…