Hennie Raché – Die Sünde.

Die Sünde.

Du siehst mich an mit Augen groß und trunken,
Du ziehst in Deinen Bannkreis mich hinein;
ich bin in Deinem Anblick ganz versunken –
ach, kann so schön wie Du die Sünde sein?


Du siehst mich an – und deine Blicke funkeln;
wie bebt Dein Purpurmund, zum Kuß bereit!
Es leuchtet mir aus Deinem Aug, dem dunklen,
nicht Glück, nicht Friede – doch Vergessenheit.


Ich seh an Deinem Busen wohl die Schlange,
ich fühle ihres Atems giftgen Hauch;
es klopft mein warnend Herz wohl schwer und bange,
zwar warnt es mich, doch ach, es lockt mich auch.


Ich will Dich einmal, schönes Weib, umfassen,
und sollt ich auch in Deinem Arm vergehn,
ich will mich einmal von Dir küssen lassen! –
Warum, o Weib, bist Du so zaubrisch schön?


aus: Liebeslieder moderner Frauen, Eine Sammlung von Paul Grabein, Hermann Costenoble, Berlin, 1902, S. 171 f.




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