Sonntag, 26. Juni 2011

Annette Freiin von Droste-Hülshoff - Mondesaufgang

Caspar David Friedrich - Mondaufgang am Meer



Mondesaufgang.


An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich;
Hoch über mir gleich trübem Eiskristalle
Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle;
Grauschimmernd lag der See mit leisem Stöhnen,
Zerfloßne Perlen, oder Wolkenthränen?
Es rieselte, es dämmerte um mich;
Du mildes Licht, ich wartete auf dich.


Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm,
Im Laube summte der Phalänen Reigen,
Die Feuerfliege sah ich zieh'n und steigen,
Und Blüten taumelten wie halb entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid
Und Bildern seliger Vergangenheit.


Die Schatten stiegen, drängten finster ein;
Wo weilst du, weilst du denn mein milder Schein?
Sie drangen ein wie sündige Gedanken,
Des Firmamentes Woge schien zu schwanken;
Verzitternd losch der Feuerfliege Funken,
Längst die Phaläne war zum Grund gesunken;
Nur Bergeshäupter stiegen hart empor,
Ein düstrer Richterkreis im Düster vor.


Es visperten die Wipfel mir am Fuß,
Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß;
Ein Summen aus des Seees weitem Thale,
Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale;
Mir war, als müsse etwas Rechnung geben
Von todten Pfunden, von verträumtem Leben,
Als stehe ein verkümmert Herz allein,
Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.


Da auf die Wasser sank ein Silberstor,
Und langsam stieg die Mondesscheib' empor.
Der Alpen finstre Stirnen strich sie leise,
Und aus den Richtern wurden sanfte Greise;
Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken,
An jedem Blatte sah ich Tropfen blinken,
Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein,
Drin flimmerte der Heimathlampe Schein.


O Mond, du bist mir wie ein später Freund,
Der seine Jugend dem Verarmten eint,
Um seine sterbenden Erinnerungen
Mit zartem Lebenswiderschein geschlungen;
Bist keine Sonne, die ernährt und blendet,
In Feuerströmen lebt, im Blute endet,
Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht,
Ein fremdes, aber, o, ein mildes Licht.


Aus: Annette Freiin von Droste-Hülshoff, Letzte Gaben, Carl Rümpler Verlag, Hannover, 1860





Freitag, 24. Juni 2011

Thekla Schneider - Der Zigeunerin Prophezeiung am Hochzeitstag

Frans Hals - Gypsy Girl


Der Zigeunerin Prophezeiung am Hochzeitstag


Komm vom fernen Ungarland,
Um zu lesen in der Hand
Dieser Braut, am Hochzeitstag,
Was die Zeit ihr bringen mag.
Müsset euch nicht vor mir scheun,
Weil ich ihr will prophezei'n;
In der Hand kenn ich den Zug –
Meine Kunst ist kein Betrug.
Denn mir ward der Zukunft Schacht
Von den Geistern aufgemacht.


Eilet, eilet aus dem Schilf,
Zauberschwestern mir zur Hilf!
Komm', o komm, du dunkle Schaar,
Dreh' dich um das Hochzeitspaar,
Daß ihr Loos, geheimnißvoll,
Sich vor meinem Geist entroll'!
Dieses Zauberstabes Kraft
Alle meine Wunder schafft.


Reiche mir nun deine Hand
Bin ich dir auch unbekannt. –
Also les' ich hier den Stern,
Den ich immer sah so gern;
Er bedeutet Heil und Glück,
Wahrt vor manchem Mißgeschick.
Diese Linie sagt mir gleich,
Daß dein Herz an Liebe reich.
Wenn du schließest alle Zeit
Wie du hast versprochen heut',
In die Brust dies Kleinod ein,
Wird voll Glück dein Leben sein!


Dieser Zug hier prophezeit
Daß du liebst die Fröhlichkeit;
Frohsinn ist des Weibes Zier.
Gattenlieb' erhält er dir.
Aus dem Zug mein Blick noch schließt,
Daß die Magd dich oft verdrießt,
Wenn sie auch etwas zerbricht,
Schick' sie aus dem Hause nicht,
Denn du findest keinen Knecht,
Der dir alles machet recht.
Diese Linie hier mich lehrt,
Daß dir Wohlsatnd wird bescheert.
Wie die Biene magst du sein, 
Dreh' den Faden glatt und fein
An dem Rädchen, daß es schnurrt,
Daß um dich die Spindel surrt.
Wenn du lang gesponnen hast,
Mit Geduld und ohne Rast,
Aus dem Rocken dir dann rollt,
Statt des Fadens reines Gold. 


Wenn einst um ist, sieb'n mal neun,
Kehr' ich wieder bei dir ein;
Denk' indeß in deinem Sinn
Manchmal der Zigeunerin.


aus: Thekla Schneider, Wellen vom Bodensee, Verlag der Hofbuchhandlung von E. Tappen, Sigmaringen, 1882






Sonntag, 12. Juni 2011

Maria Janitschek - Pfingstgedanken

Giotto di Bondone - Pfingsten



Pfingstgedanken

Sucht nicht nach stolzen Worten für das Hohe,
Das stillste Gleichnis gibt sein treueres Bild,
Nicht in des Blitzes greller Flammenlohe,
Im sanften Säuseln kam Jehova mild.

Ein Arbeitsmann im Kittel rauh und schlicht,
Schuf Christus seinen großen Geistesbau,
Nicht Gold ist’s, das die Heldenstirn umflicht,
Nur junger Lorbeer aus der Frühlingsau.
Nicht stolzem Wissen ward das Paradies,
Die Einfalt führt zu ihm, der Kinderglaube,
Nicht zeptertragend, nicht im goldnem Vließ,
Erschien der Geist, er kam als schlichte Taube.



aus: Maria Janitschek, Gedichte,  J. Hermann Herz G.m.b.H., Berlin, 1917

Montag, 6. Juni 2011

Ada Christen - Im Frühling

Alfred Sisley - Spring

Im Frühling.



Soll ich Euch singen das alte Lied
Von Jugend, Frühling und Rosen?
Soll ich Euch schildern mit süßem Wort
Das Sprießen, Knospen und Kosen?
Ihr höret, sehet und fühlt es nicht,
Wenn Dichter auch rührend leiern,
Daß wieder einmal die Wiese grünt,
Die Winterstürme nun feiern.
Als Gottesfriede und Frühlingsluft
Durch alle Welten gezogen,
Habt Ihr, wie am schmutzigsten Wintertag,
Geschachert doch nur und betrogen!


aus: Ada Christen, Aus der Asche, Neue Gedichte, Hoffmann & Campe, Hamburg, 1870



Sophie Mereau - Frühling

Alessandro Botticelli - Primavera



Frühling.


     Düfte wallen – Tausend frohe Stimmen
Jauchzen in den Lüften um mich her,
Die verjüngten trunknen Wesen schwimmen
Aufgelöst in einem Wonnemeer.


     Welche Klarheit, welches Licht entfließet
Lebensvoll der glühenden Natur!
Festlich glänzt der Aether, und umschließet,
Wie die Braut der Bräutigam, die Flur.


     Leben rauscht von allen Blüthenzweigen,
Regt sich einsam unter Sumpf und Moor,
Quillt, so hoch die öden Gipfel steigen,
Emsig zwischen Fels und Sand hervor.


     Welch ein zarter, wunderbarer Schimmer
Ueberstrahlt den jungen Blüthenhain!
Und auf Bergen um verfallne Trümmer
Buhlt und lächelt milder Sonnenschein.


     Dort auf schlanken, silberweißen Füßen
Weht und wogt der Birken zartes Grün,
Und die leichten, hellen Zweige fließen
Freudig durch den lauen Luftstrom hin.


     In ein Meer von süßer Lust versenket,
Wallt die Seele staunend auf und ab,
Stürzt von frohen Ahndungen getränket,
Sich im Taumel des Gefühls hinab.


     Liebe hat die Wesen neu gestaltet,
Ihre Gottheit überstrahlt auch mich,
Und ein neuer üpp’ger Lenz entfaltet
Ahndungsvoll in meiner Seele sich.


     Laß an deine Mutterbrust mich sinken,
Heil’ge Erde, meine Schöpferin!
Deines Lebens Fülle laß mich trinken,
Jauchzen, daß ich dein Erzeugtes bin!


     Was sich regt auf diesem großen Balle,
Diese Bäume, dieser Schmuck der Flur,
Einer Mutter Kinder sind wir alle,
Kinder einer ewigen Natur.


     Sind wir nicht aus Einem Stoff gewoben?
Hat der Geist, der mächtig sie durchdrang,
Nicht auch mir das Herz empor gehoben,
Tönt er nicht in meiner Leier Klang?


     Was mich so an ihre Freuden bindet,
Daß mit wundervoller Harmonie,
Meine Brust ihr Leben mitempfindet,
Ist, ich fühl’ es, heil’ge Sympathie!


     Schwelge, schwelge, eh ein kalt Besinnen
Diesen schönen Einklang unterbricht,
Ganz in Lust und Liebe zu zerrinnen,
Trunknes Herz, und widerstrebe nicht.


aus: Musen-Almanach für das Jahr 1796, Michaelis Verlag, Neustrelitz, 1796.


Übernommen von der deutschsprachigen Wikisource






Sonntag, 5. Juni 2011

Lucy Guttzeit - Klage um einen toten Kakadu

Nach einem Gemälde von Conrad Kiesel -  Manuela
stehende junge Spanierin lockt einen Kakadu
auf ihre Hand - signiert: E. Hermann



Klage um einen toten Kakadu.

Ach! wo nehm’ ich Worte her, zu klagen
Um den toten schönen Kakadu?
Fern aus China, über’s Meer getragen,
Kam er unserm kalten Norden zu.

Armer Vogel, konntest hier nicht leben,
Ach! dir fehlte deiner Heimat Luft,
Konntest frei nicht in der Sonne schweben,
Über Gärten, voller Blütenduft.

Leicht beschwingt mit schneeigem Gefieder,
Warst du glücklich in der Mitte Reich,
Blicktest stolz aus hohen Palmen nieder,
Wiegtest dich im würz’gen Teegesträuch.

Aber grausam wurdest du gefangen,
Fortgerissen aus der Brüder Schar,
Mußtest lang im engen Schiffe hangen,
Wo ein Käfig deine Wohnung war.

Und als du nun nahtest unserm Norden,
Als du kamst in unser kaltes Land,
Ach! da ist es dir zum Grab geworden,
Und du liegst nun tot in meiner Hand.

Jetzt wird kalte Erde dich bedecken,
Kalter Schnee, den niemals du geseh’n,
Keine Sonne mehr wird dich erwecken
Und kein Lenz für dich mehr neu ersteh’n.

Nimm ihn auf denn, treue Mutter Erde,
Deinen schönen Sohn aus fernem Land,
Kleide, daß sein Grab geschmücket werde,
Sprossend neu dich in ein bunt Gewand!

Auf, ihr lust’gen Sänger, kehret wieder,
Laßt auf diesen Hügel euch herab,
Und du flöte deine Klagelieder,
Philomele, hier an diesem Grab!

aus: Johannes Guttzeit, Unmoderne Gedichte, Verlag von Wilh. Besser, Leipzig, 1897



Freitag, 3. Juni 2011

Hildegard Voigt - Susanna

Ferdinand Hodler - Die tote Augustine Dupin auf dem Sterbebett



Susanna

Du schmiegest um den kleinen Becher
sacht deine feine, bleiche Hand,
wie sich dein Mund, ein müder Zecher,
ftill neigt auf den kristallnen Rand.

Aus deiner Augen ernstem Lächeln
winkt jeder Blick im Abschiedsgruß,
und um uns rauscht im düstern Fächeln
nachtschwarz ein unerbittlich »Muß«.

Dein schönes Haupt, das todgeweihte,
schmiegt sich an meine Schulter lind,
still setzt den Becher ich zur Seite,
still ruhst du, wie ein müdes Kind.

So schweigen Zwei, weil Beide wissen!
Es bebt mein Herz in Trennungsnot.
Mir bleibt das ewige Vermissen,
du lächelst nu, stark wie der Tod.

aus: Hildegard Voigt, Dornenkinder, Norddeutscher Verlag für Literatur und Kunst, Stettin, 1919


Johanna Beckmann - Hexen-Schuß

Hexen-Schuß An der grünenden Linden War er zu Haus. Das Glück wollt' er finden Und wanderte aus. Unter'm Hexen-Besen-Baum...