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Johanna Ambrosius - Es ist genug

Gustav Klimt - The Three Ages of Woman



Es ist genug.


Es ist genug! Hör’ auf zu schlagen,
Im Staube liegt mein matt Gebein;
Du stillst des kleinsten Würmchens Klagen,
Soll ich allein vergessen sein?
Willst mich vernichten, wohl, ich stehe
Gewärtig Deines Schwertes Zug,
Nur thu’ mit Schlägen nicht so wehe
Und halte ein. Es ist genug!


Es ist genug! Die Ketten brennen
Mit Höllenglut bis tief ins Herz,
Kein Wort kann ihn beim Namen nennen.
Den unermess’nen tiefen Schmerz.
Man löst dem Frevler seine Stricke,
Wenn zum Schafott ihn treibt der Fluch,
Begnad’ge Du mit einem Blicke
Doch meine Schuld. Es ist genug!


Es ist genug! Ich hab’ gelitten,
Was nur auf Erden Leiden heißt.
Im Kampfe bis aufs Blut gestritten,
Und tief verwundet liegt mein Geist;
Sieh’ meiner Hände müdes Beben,
Hör’ meinen schwachen Atemzug,
Du Richter über Tod und Leben,
Gieb Frieden mir! Es ist genug!


Aus: Johanna Ambrosius, Gedichte, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Thomas & Oppermann, Königsberg i. Pr., 1896





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Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
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Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
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Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
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noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
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unruhvoll bebt die Lagune
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von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Maria do Ceo - Sterbend aus Liebe

Sterbend aus Liebe.

Holt mir Blütentriebe,
Denn ich sterb' aus Liebe.


Überdeckt mich doch mit Blüten,
Dass die Liebe nicht im Winde
             Entschwinde;
Thut es; weiss ja doch ein Jeder,
Dass wie Blütenduft zerstiebe
Die Liebe.


Sorget, dass ich bald als Bahrtuch
Lilien und Jasmin erwerbe;
Ich sterbe;
Fragt ihr mich: Woran? — Es wollte,
Dass kein Hoffen mir verbliebe,
Die Liebe.


Aus: Aus Portugal und Brasilien (1250-1890) Ausgewählte Gedichte verdeutscht von Wilhelm Storck, Münster i. W., 1892