Direkt zum Hauptbereich

Nina Camenisch - Der Heinzenberger Grat und Versam

Kirche von Versam (GNU Free Documentation License, Version 1.2
This file is licensed under the Creative Commons
Attribution-Share Alike 3.0 Unported
Die Aufnahme stammt von Adrian Michael



Der Heinzenberger Grat und Versam.

Wie schön von dieser Alpenhöh’
Malt sich das weite Land!
Doch steh’ ich hier in stillem Weh,
Den Blick dorthin gewandt.


Denn jenes kleine Dörflern nur
Füllt meine Seele ganz;
Dort blüh’n so lieblich Baum und Flur
Im dunkeln Waldeskranz.


Dort steht das Haus, wo rosig mir
Der Kindheit Traum entflog;
Zu dem es mich so oft von hier
Mit heißem Sehnen zog;


Wo treue Liebe mich gepflegt.
Die nun im Grabe ruht.
Auf jenem Friedhof, dicht umhegt
Von gold’ner Aehren Fluth.


Du Raum, wo ich als Kind gespielt,
Sei mir gegrüßt von fern!
Du, meiner ersten Heimat Bild,
Bist meines Lebens Stern,


Bist meine Welt, mein Paradies,
Willst du mein Grab auch sein?
Hier muß selbst Todesruhe süß
Wie sanfter Schlummer sein.


Aus: Blumenlese aus den neuen Schweizerischen Dichtern, Herausgegeben von Heinrich Kurz, Verlag von Friedrich Schultheß, Zürich, 1860






Beliebte Posts aus diesem Blog

Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


This file is licensed under the Creative CommonsAttribution 3.0 Unported license.
Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…