Sonntag, 25. September 2011

Hildegard Voigt - Tränenlos


Bernhard Hoetgers Skulptur - Sterbende Mutter mit Kind


Tränenlos

Wir halten uns an den Händen,
wir weinen und klagen nicht.
Wir streichen mit leisem Finger
über dein stilles Gesicht.

Wie liegt so weit nun dahinten,
was siech an dir und was krank!
Wir denken in Ehrfurcht-Staunen
der Welt, die mit dir versank.



Aus: Hildegard Voigt, Dornenkinder, Norddeutscher Verlag für Literatur und Kunst, Stettin
Bildquelle: http://www.radiobremen.de/kultur/portraets/modersohn-becker/portrait354_v-slideshow.jpg



Freitag, 16. September 2011

Marie Rudofsky - Mein Garten

Vincent van Gogh - Marguerite Gachet in ihrem Garten


Mein Garten


Mein ganz kleinwinzig Gartenland,
Inmitten niedrer Hecken,
Auch du sollst dich für's Vaterland
Nach besten Kräften recken.


Sollst statt der sonst'gen Blumenpracht
Jetzt Kraut und Rüben treiben
Und nicht nach lauer Frühlingsnacht
Erstaunt die Augen reiben.


Sollst Knollen und Kartoffelbrei
In deinem Schoße tragen
Und nicht im Wonnemonat Mai
Nach Blütendüften fragen.


Sollst frisch mit Lauch und Thymian
Ein Gurkenbeet umsäumen
Und nicht in eitlem Größenwahn
Von Marschallrosen träumen.


Mein ganz kleinwinzig Gartenland,
Inmitten nied'rer Hecken,
Du brauchst dich heut' im Kriegsgewand
Vor niemand zu verstecken.


Sei stolz darauf, wie jeder Held
Im rauhen Ehrenkleide
Und stempeln and're dich zum Feld,
Verdankst du's nur dem Neide.


Doch einmal, Gärtchen, einmal — bald,
Wenn wir den Frieden schließen,
Dann soll ein ganzer Blumenwald
Aus deinen Beeten sprießen.


Aus: Marie Rudofsky, Donauwacht, Verlag der k. k. Gesellschaft vom Österreichischen Silbernen Kreuze, Wien, 1917
Dieses Gedicht unterliegt dem Copyright
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der RechteinhaberInnen




Donnerstag, 15. September 2011

Maria Janitschek - Mädchenfrage

Maria Janitschek


Mädchenfrage.


Als Kind hab ich oft geweint,
wußt nicht, warum,
nun muß ich oft heimlich lachen,
weiß nicht warum.


Es greift in meine Saiten
eine rätselhafte Hand,
ein Fremdes will mich leiten
in ein unbekanntes Land.


Seltsam wunderliche Gedanken,
die mein Wort nicht nennen kann,
baun um mich purpurne Schranken
und halten mich in Zauber und Bann.


Ich fasse dich nicht o Leben,
weiß nicht, wer wir beide sind,
weiß nicht, wohin wir streben,
wo ich mein Ziel wohl find.


Als Kind hab ich oft geweint
wußt nicht, warum …
nun muß ich oft heimlich lachen,
weiß nicht, warum.


Aus: Maria Janitschek, Im Sommerwind, Verlag Kreisende Ringe, Leipzig, 1895
Mehr bei ngiyaw eBooks unter der Autorin



Donnerstag, 8. September 2011

Helene von Engelhardt - Nordischer Winter

Helene von Engelhardt



Nordischer Winter.


Sei mir gegrüßt, mein nordischer Winter!
Mehr, als des Südens lodernde Gluthen
Mit üpp’gen Farben,
Mit weichen, erschlaffenden Lüften,
Liebe ich dich
In deiner rauhen, unzähmbaren Kraft!


Nicht nahest du uns
Wie dein schwächerer Bruder
Den Fluren des Mittags:
Auf luftigen Schwingen,
Die Regenwolke als leichtes Gewand
Um die Knabenglieder gezogen. — Nein!
Ein trotziger Kämpe, ein Riese der Vorzeit,
Erscheinst du bei uns!


Auf weiten Schneeschuhen kommst du gebraust,
Das Bärenfell um die mächtigen Schultern,
Im Arm den entwurzelten Tannenbaum.
Auf den wilden Locken,
Den weißbereiften,
Wiegt sich der goldgrüne Mistelzweig. —
Bei deinem Hauche erstarret der See
Und breitet schützend über sich aus
Die Eisesdecke,
Den schimmernden Schild,
Die Aeste der Birken hüllen sich flink
In lichte, versilberte Rüstung:
Und alles funkelt,
Flimmert und blitzt —
Heil dir!
Sei mir gegrüßt, mein nordischer Winter!


In der Spinnstube aber
Beim flackernden Kienspan
Rücken die Mädchen enger zusammen:
Die Spindel surrt —
Sie singen das Lied
Von der wunderschönen Königstochter,
Die im Walde schmachtet
Im einsamen Thurm,
Von allen verlassen,
Und nur der zottige, graue Wolf
Harrt ihr zur Seite getreulich aus.


Oder die Alte erzählt geheimnißvoll
Von den dreißig Rittern der Meerfluth,
Wie sie beim ersten Strahle des Frühroths
Einmal im Jahr mit dem greisen Ohm
Den Wogen entsteigen
Und staunend betrachten
Das wonnige Schauspiel 
Den rosigen Himmel.
Und die weiten grünenden Fluren,
Blitzend im Morgenthau! —

Wenn aber plötzlich —
Mitten im schaurigsüßen Geplauder, —
Der Hütte Gebälk im Froste kracht,
Dann schrecken sie ans und horchen entsetzt, 
Ob draußen der Flüchtling der Berge poche,
Der ohne Schwert aus der Schlacht geflohn,
Den Tod des Vaters nicht gerächt,
Von der Mutter verflucht,
Von der Braut verstoßen,
Und nun bis zum Weltenbrand
Umirrt in der eisigen Winternacht!
Und mit Todtenfingern an’s Fenster pocht
Einlaß, Obdach begehrend.


Ich aber trete hinaus und sehe draußen
Die klare, herrliche Winternacht! 
Weißblau dehnt sich der Himmel über mir aus:
Hinter den dunklen Wipfeln der Tannen
Hebt sich der Mond mit geröthetem Antlitz,
Staunend ob all der blinkenden Herrlichkeit;
Tausend glänzendgroße, neugierig verwunderte Augen,
Lauschen die Sterne herab in die taghelle Nacht;
Und wo der Wolf aus dem Dickicht des Waldes tritt,
Da knistert der Schnee und ein Schatten gleitet vorüber.
Du bist es, Winter! Mit mächtigen Schritten
Sausest du hin über’s spiegelnde Eisfeld
Und ich schaue dir nach und rufe mit jauchzender Seele:
Heil dir, mein nordischer Winter!


Aus: Das Baltische Dichterbuch, Eine Auswahl deutscher Dichtungen aus den Baltischen Provinzen Rußlands, Herausgegeben von Jeannot Emil Freiherrn von Grotthuß, Verlag von Franz Kluge, Reval, 1895






Montag, 5. September 2011

Agnes Harder - Scheine durch meine Hände!

Claude Monet - The Garden in Flower


Scheine durch meine Hände!

Scheine durch meine Hände, rotes Sonnenlicht!
Sehn will ich, sehn, daß mein Herz noch spricht!
Fühlen will ich, fühlen nach all dem Gram,
daß der bleiche Winter, daß das Ende noch nicht kam.
Hoch hebe ich die Hände wie eine Beterin,
fühle des roten Schimmers tiefinnersten Sinn:
Sehn will ich mein Herzblut in deinem Licht,
Sonne, das Leben sehn, das aus dir spricht!
Auf den roten Blättern liegt dein letzter Hauch.
Sonne, auch mich in dein schimmerndes Scheinen tauch!
Trügerisch, ich weiß, ist des Herbstes Glut.
Morgen, schon morgen, friert mein Blut.
Laß es mich noch einmal in meinen Händen sehn
Sommer und Leben und Hoffnung — wie war't ihr wunderschön!

Agnes Harder war eine deutsche Lehrerin und Schriftstellerin.
(24. März 1864 in Königsberg - 3. Februar 1939 in Berlin) 


Aus: Berliner Dichterbuch, Herausgegeben von Wolf Arnim Kochmann, Führer Verlag, Berlin, o. J. 




Sonntag, 4. September 2011

Anna Behrens-Litzmann - Schlaflose Nächte

Winslow Homer - Summer Night



Schlaflose Nächte.




Schlaflose Nächte, klage ich über euch?
Ihr, der geheimsten Kräfte stille Erwecker,
Ihr, die Gespinste webt, zu zart für die Sonne,
Und noch aus Schmerzen, wie sie der Tag nicht vergißt,
Flammen  entzündet, die hell das Dunkel durchleuchten.
Ihr, die ihr Schatten begrabt und lärmender Stimmen
Wertlosen Schall. — Die verängsteten Seelen
Badet in tiefen Brunnen sel'gen Vergessens,
Oder fließenden Strömen von Welt zu Welt,
Daß sie geläutert grüßen das heilige Licht,
Wenn mit leisem Gesang der Morgen sich kündet.
Schlaflose Nächte, — ich danke und segne euch!


Aus: Anna Behrens-Litzmann,Gedichte, Weiß'sche Universitäts-Buchhandlung, Heidelberg, 1920
Als eBook (pdf/ePub) und als eText bei ngiyaw eBooks, Digitalisat der Vorlage vorhanden



Freitag, 2. September 2011

Ilse Franke-Oehl - Nero

Denar des Nero



NERO

Ihr Puppen seid schal
Wie stinkend Wasser.
Ihr ekelt mich.
Ich selbst bin ein blasser
Leichnam meiner Jugend,
Fahl
Von Haß.
Nur das Mal
Auf meiner Stirn,
Das der Kronreif preßte,
Flammt röter.


Ich gierte nach Fleisch,
Nach schwellendem, weichen.
Ich durfte alles nehmen.
Vor meinem Herrensinn
Wurde die Unschuld
Zum Schemen
Und schmolz dahin
Wie Schnee vor der Sonne.


Ich ging über Leichen.
Mein Durst war wild.
Ich tauchte die ganze Stadt in Blut,
Ich tauchte das Land in Feuersglut.
Mein Durst ward nicht gestillt.

Nur eins gilt
Und steht mir noch an,
Was ich nimmer erjage,
Was keiner von Euch Laffen kann:
Ich möchte dienen
Wie ein Mann,
Mit stolzer Demut
Und freien Mienen,
Einem Herrn wie ich
Und dann
Sterben.



aus: Ilse Franke, Von beiden Ufern, Verlag von Hübel & Denck, Leipzig, 1922


Ilse Franke, Von beiden Ufern als pdf bei ngiyaw eBooks
Digitalisat der Vorlage vorhanden

Johanna Beckmann - Hexen-Schuß

Hexen-Schuß An der grünenden Linden War er zu Haus. Das Glück wollt' er finden Und wanderte aus. Unter'm Hexen-Besen-Baum...