Direkt zum Hauptbereich

Posts

Es werden Posts vom Februar, 2012 angezeigt.

Isabelle Kaiser - Pflicht

Pflicht.

Ich muß dich wiedersehen
Und reite durch die Nacht,
Nicht stille will ich stehen,
Bis daß dein Aug' mir lacht.


Es jagt mit losem Zügel
Mein Hengst in Sturmes Graus
Durch Dorngeheg und Hügel
Bis hart vor deinem Haus.


Ich klopf an deinem Fenster,
Du rufst: »Herein, mein Glück!«
Da jagen mich Gespenster
Den rauhen Weg zurück.

Aus: Frauenlyrik der Gegenwart; eine Anthologie, Herausgegeben von  Margareta Huch, (M. H. Gareth, Pseud.), Eckardt Verlag, Leipzig, 1911

Hedwig Dransfeld - Morphium

Morphium
Ja, schlafen, schlafen! seufzt der Kranke schwer, —
Er nimmt den Trunk, er lächelt: »Schlafen, schlafen!«
Nun glättet sich der Schmerzen wildes Meer,
Und seine matte Seele treibt zum Hafen.

Die Rechte sinkt zurück — der trockne Mund
Scheint durstig noch den kühlen Trunk zu schlürfen, —
Ein Atemzug, so schwer und krank und wund! —
»O, eine Ewigkeit nur schlafen dürfen!«

Ein mattes Glimmen noch im trüben Blick,
Ein traumhaft Dehnen durch die kranken Glieder!
Und immer weiter taucht der Geist zurück,
Und immer tiefer senken sich die Lider.

Er gleitet heimwärts in ein schön'res Land . . .
Schon sieht er purpurn sich die Nacht erhellen,
Und weich und wiegend an den fremden Strand
Trägt ihn der Kahn durch blaue Nebelwellen.

Wohin?  —  Er wiegt und gleitet immerzu,
Ein ziellos Dämmern ist's und Weiterschweben,
Und aus dem Dunkel taucht die große Ruh
Und nimmt an ihre Brust sein krankes Leben —

Und küßt ihn lind; da wird das Herz ihm weit,
Er lacht im Traum, die Qualen sind verflogen . . .
Und hint…

Eleonore Kalkowska - Als jäh der Blitz in meine Krone fuhr

Als jäh der Blitz in meine Krone fuhr,
Da fielen von mir alle Blätter, Blumen,
Wie bei der Schur
Von dem betroffenen und entsetzten Lamm,
Der weißen Wolle leichte Wolkenkrumen.
Ich ward ein ausgebrannt, gehöhlter Stamm.
Nicht mehr. Und Tropfen quollen auf, benetzten
Den Schaft, den tief in seinem Mark verletzten.


Doch in mir branntʼ noch das Gefühl der Leere.
Da sich ich um mich. Und da war manch Leid,
Das irrtʼ umher und trug ein heiß Begehren
Nach Unterschlupf. So öffnetʼ ich mich weit,
Und höhltʼ mich mehr noch aus zur bloßen Rinde,
Daß alles Leid in mir die Heimat finde.


So gingen in mich ein Leid, Schmerz und Grauen
Und Tränenflut von viel Millionen Frauen
Und bleichen Munds gestammeltes Brevier;
Ich ward das Ohr und ward der Herold-Rufer,
Ich ward das Flußbett, und ich ward die Ufer
Des Geistes und des Stromes: Wir.


Schwill auf, schwill auf, mein Strom, und künde
Dein brausend Lied. Mit deinem breiten Lauf
Befruchte die verdorrten Seelengründe,
Nimm Tränen auf, nimm Qual und Kampf und Leid –
Und münde
S…

Sophie Jacot des Combes - Zeit

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.


Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.


Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.




Aus: Sophie Jacot des Combes,Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922




Hennie Raché - Für uns

Für uns.
Sphinx ist ein jedes Weib, das unberührt
vor seinem eignen Rätsel staunend steht;
doch mit dem ersten Kuß flieht schon das Morgenrot
unschuldger Liebe — — die Erkenntnis naht:
Ich bin ein Weib!
Und zitternd ahne ich den Augenblick,
da Du das Rätsel dieses Weibes lösest. — — — 
Werd ich dem Sieger willig mich ergeben?
Werd ich nach heißem Kampfe unterliegen?
Ich weiß es nicht — 's ist Dein Vermächtnis Eva,
und die Versuchung, Schlange, war der Kuß!


aus: Liebeslieder moderner Frauen, Eine Sammlung von Paul Grabein, Hermann Costenoble, Berlin, 1902