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Eleonore Kalkowska - Als jäh der Blitz in meine Krone fuhr

Eleonore Kalkowska


Als jäh der Blitz in meine Krone fuhr,
Da fielen von mir alle Blätter, Blumen,
Wie bei der Schur
Von dem betroffenen und entsetzten Lamm,
Der weißen Wolle leichte Wolkenkrumen.
Ich ward ein ausgebrannt, gehöhlter Stamm.
Nicht mehr. Und Tropfen quollen auf, benetzten
Den Schaft, den tief in seinem Mark verletzten.


Doch in mir branntʼ noch das Gefühl der Leere.
Da sich ich um mich. Und da war manch Leid,
Das irrtʼ umher und trug ein heiß Begehren
Nach Unterschlupf. So öffnetʼ ich mich weit,
Und höhltʼ mich mehr noch aus zur bloßen Rinde,
Daß alles Leid in mir die Heimat finde.


So gingen in mich ein Leid, Schmerz und Grauen
Und Tränenflut von viel Millionen Frauen
Und bleichen Munds gestammeltes Brevier;
Ich ward das Ohr und ward der Herold-Rufer,
Ich ward das Flußbett, und ich ward die Ufer
Des Geistes und des Stromes: Wir.


Schwill auf, schwill auf, mein Strom, und künde
Dein brausend Lied. Mit deinem breiten Lauf
Befruchte die verdorrten Seelengründe,
Nimm Tränen auf, nimm Qual und Kampf und Leid –
Und münde
Sie alle, alle in die Ewigkeit.


Aus: Eleonore Kalkowska, Der Rauch des Opfers, Ein Frauenbuch zum Kriege,
Erstes und zweites Tausend, Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena, 1916



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Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…