Lena Bonte-Dotti - Wurzelstark

Caspar David Friedrich - Eiche im Schnee


Wurzelstark.

Du sollst nicht immer fragen
Nach dem »warum«, »woher«,
Nach dem, was kommen könnte,
Wenn dies und das nicht wärʼ!
Du quälst Dich und die Deinen,
Und meinst es doch so gut.
Ja, fast will es mir scheinen:
Dir fehlt zum Glück der Mut.

Schau drum in meinen Garten,
Wie das da flammt und glüht,
Wie in dem Lehm, dem harten,
Dort eine Blume blüht.
Du kennst sie nicht, denn selten
Ist ihrer Farben Pracht
Und ihrer Blüte Duften,
Wer hat sie mir gebracht?
Ich weiß es nicht, ich fragʼ nicht;
Ich freu mich ihres Seins,
Wie ich des Sturms mich freue,
Des warmen Sonnenscheins. —
Du meinst der Sturmwind bräche
Mir meine Blume ab?
Laß ihn; wenn er sie knickte,
Fand sie ein frühes Grab.
Du fragst, ob ich dann traure,
Ob Angst mein Herz befällt,
Daß es so kommen könnte?
Freund, arm ist Deine Welt!

Wenn jetzt der Sturmwind sauste
Und brächʼ die Blüte hier,
Wenn alles wanktʼ und brauste,
Mein Freund, dann sagt ich mir:
Der Sturmwind kann nur brechen,
Was morsch und wurzelkrank,
Was langsam oder schneller
Doch in die Tiefe sank.
Der Sturmwind kann nur brechen
Was schwächer ist wie er,
Was stärker ist, das trotzt ihm,
Das setzt sich ihm zur Wehr!
Das bleibt, weil es im Innern
Noch echt und wurzelstark.
Der Sturmwind fällt die Eiche,
Er tötet nicht ihr Mark.
Holt sie sich aus der Erde
Noch selber ihren Saft,
Sprießt aus den Wurzelknoten
Ein neuer Trieb voll Kraft.
»Wir sprachen von der Blume!« —
Ja so, mein Freund, verzeihʼ!
»Wenn sie der Sturmwind bräche,
Wärʼ alles dann vorbei?«
Nein, Freund, ihr Blühn und Duften
Wärʼ nie umsonst gewesen.
Die rote Blume brachte
Nach Krankheit mir Genesen.
Doch, Freund, wozu das Reden;
Laß doch den Sturmwind wehen!
Denn meine rote Blume
Wird er mir niemals mähen,
Weil sie aus sich gewachsen.
Und meinen schönen Glauben
An alles Wurzelstarke,
Den kann kein Gott mir rauben!

aus: Lena Bonte-Dotti, Wurzelstark, Verlag Schall und Rentel, Berlin, 1920




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