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Marie Luise Weissmann - Tote Liebe

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TOTE LIEBE
Was mir erwarb
Ihr süßes Licht
Was ihr verdarb
Mein Angesicht
Warum sie starb
Ich weiß es nicht.

Die Märchenbraut
Lag so im Tod
Dem Blick vertraut;
Der Wange Rot
Wer es geschaut
Fiel neu in Not.

Als hübe sie
Die er gewann
Die wie der Früh-
Tau ihm zerrann
Als hübe sie
Zu sprechen an:

Was dich mir warb
Damals im Licht
Was mich verdarb
Für dein Gesicht
Warum ich starb
Ich weiß es nicht.

Wir wissen beid
Nicht wies geschah
Wir sind im Leid
Uns nun ganz nah
An deine Seit
Sehnt ich mich ja.

Reiche mir Lieber
Noch deine Hand.
Ist sie im Fieber
Wie ich sie fand
Als sie hinüber
Gab mir den Brand?

Aus: Marie Luise Weissmann, gesammelte Dichtungen, Heinrich F. S. Bachmair, Pasing, 1932




Hermance Potier - Palingenesie

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Palingenesie.
Abend ist es und ich suche
Spuren ferner Seligkeit,
Und ich finde hier im Buche
Noch ein Denkmal schön'rer Zeit.
Bist allein zurückgeblieben,
Veilchen, aus der Schwestern Zahl;
Auf der Stirne steht geschrieben
Dir ein leuchtend Feuermal.
Nur mein Auge kann es sehen,
Und es zieht wie Liebeslust
Und es haucht wie Frühlingswehen
Durch die müde, kranke Brust.
Kleines Veilchen, was erweckst Du
Diesen Sturm, der längst geruht?
Kleine Veilchen, was bedeckst Du
Doch für peinlich stille Glut!
Tausend sanft verrauschte Küsse,
Tausend Seufzer rufst Du wach,
Und ich hör' die fernen Grüße —
Manches heiße —  bange »Ach«.
Deines Lenzes Poesie,
Süße Blume und Du feierst
Deine Palingenesie!

Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1. Band (1885), S. 654