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Marcelline Desbordes-Valmore - Vorahnung

Eve Merrit - Eve


VORAHNUNG

Ich fühl's gewiß, ich werd' ihn wiedersehen,
Es brennt die Stirn, und süßer sind die Tränen.
Ich warte, horche auf, es stockt das Wort —
Ein Traum verkündet ihn und schwindet fort,
Erschauern treibt das Blut mir aus den Wangen.

Wie anders klingt der Glockenschlag der Frühe!
Den Tauber grüß ich: Liebe zu empfangen.
Brächt er sie nicht? ich bebe, o ich glühe!
Mit solchem Einsatz zahl ich seine Nähe;
Nur mählich lehrt mich Liebe glücklich sein:
Ich frier nicht mehr, wenn ich ihn nicht mehr sehe,
Denn schon schließt sein Herz meines in sich ein.

Dies Buch! ah, ich vermag nichts drin zu lesen
Als dieses eine nur: bald wird er bei dir sein!
Und kindisch schwank ich zwischen Lust und Schmerz —
Ja dies ist Hoffnung, kenn ich doch ihr Wesen,
Geduld, o Liebe! Gnade! Schon' mein Herz!

Zu grell ist Licht nach dunkelvoller Nacht —
Laß mich in Träumen noch zu dir mich neigen,
Laß stille stehen die Zeit, mach alles lind und sacht!
Flüsternde Weide, Bächlein, wollt ihr schweigen!
Horcht auf, beruhigt euch, lang wird es nicht dauern:
Er kommt! schon hör die Erde ich erschauern,
Wie damals unversehens, in der ersten Zeit.

Zu eng ward mir der Fenster Blätterschatten,
Ich floh hinaus. Was? Ist noch Sommerzeit!?
Und Menschen sind? In Blüte Feld und Matten?
Doch gestern! ohne ihn war alles trübe,
Ach gestern drang kein Strahl zu mir herein —
Gott! — Sommer, Licht und Himmel: er ist's ganz allein!

Ja du mein Leben! Alles lacht nun unsrer Liebe —
Du kommst! und Sommer, Himmel, Liebe, sie sind mein!
Ich fühle, wie sich Flügel in mir regen,
Ich schwing mich auf und fliehe dir entgegen!

(Aus: Marcelline Desbordes-Valmore, Das Lebensbild einer Dichterin von Stefan Zweig, Insel Verlag, Leipzig, 1928)



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Johanna Beckmann - Die sterbende Geduld

Die sterbende Geduld

Ich  ging in Liebe und Leid den Weg.
Wieder und wieder fragt ich um Ruh
Viel hundertmal.
Keiner hatte Erbarmen.

Leben du —
Warum quälst du die Seele zu Tod
Jeden Tag, jede Nacht —
Und senktest so tief
Ein warm Verlangen
Wie träumenden Samen
Fragend still
In der Seele Tiefen?

Ich habe gewollt,
Es war zu schwer.
Laß mich sterben!
Ich kann nicht mehr.

Aus: Johanna Beckmann, Traum und Tat, Gedanken und Schattenbilder, Rösl und Cie., München, o. J.



Herta Graf - Venedig

Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Margarete Beutler - Und doch

Und doch . . .
Hier ist es still an meinem dunklen Teiche,
Den nur der Mondfrau blasser Schleier streift,
Und ich bin Fürstin diesem Abendreiche,
In das kein fremdes Menschendenken greift —
Und ich befehle meinem dunklen Teiche,
Und ich befehle seinen lauen Fluten,
Daß sie mich tragen, ihre Königin!
Sie tragen mich zu meiner Insel hin,
Da blühen aus dem Schilfe Blumenkronen,
Die einsam auf den hohen Stielen thronen
Und Blütenstaub aus matten Kelchen bluten,
Und zwischen meinen Blumen will ich liegen
Und meinen Leib an's starre Schilfgras schmiegen.

Die Mondfrau hüllt mich ein in bleiche Strahlen,
Ich steh im Schilf — es leuchten meine Glieder
Mir aus dem dunkelfeuchten Spiegel wieder,
Und hundert Sterne tauchen um mich nieder
Und blühn empor aus violetten Schalen.
Kühn lebt mein Heute, müde schläft mein Gestern —
Mich trennen Welten jetzt von meinen Schwestern!

Allein in meinem schweigenstarken Eden,
Ich sehne mich nach heißen Liebesreden.
Ich sehne mich nach einem wilden Sehnen,
Ich sehne mich nach schw…